Auf der Dover Air Force Base werden Munition, Waffen und Ausrüstung für die Ukraine für den Transport vorbereitet. | dpa

USA und Russland Den Krieg verhindern - aber wie?

Stand: 26.01.2022 21:21 Uhr

Die Frage, ob und wie ein neuer militärischer Konflikt um die Ukraine noch vermieden werden kann, wird von US-Sicherheitsexperterten kontrovers diskutiert. In der Debatte geht es auch um Versäumnisse - nicht nur von Biden.

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

Dass die Konfrontation an der Grenze zur Ukraine außer Kontrolle gerät - mit der Sorge ist Präsident Joe Biden in den USA nicht allein. Die krasseste Warnung kommt aber von Alexander Vindman.

Torsten Teichmann ARD-Studio Washington

Vindman war bekannt geworden als Whistleblower im Weißen Haus, als Hinweisgeber. Er hatte ein brisantes Telefonat des damaligen Präsidenten Donald Trump mit dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj öffentlich gemacht. Jetzt schlägt er im Fernsehsender MSNBC Alarm: "Ich halte es für so gut wie sicher, dass es einen großen europäischen Krieg geben wird, in einem vergleichbaren Ausmaß wie der Zweite Weltkrieg. Mit Luftschlägen, der Marine und Angriffen mit Bodentruppen."

Eine heikle Frage 

Vindman gehört jetzt zu einer Reihe ehemaliger Regierungsmitglieder, die als Experten für Sicherheitspolitik oder mit Russland-Portfolio versuchen, eine Antwort auf die Frage zu geben: Was können die USA tun, um einen Krieg zu verhindern?

Zu Beginn der Woche hatte das Pentagon erklärt, 8500 Soldaten in erhöhte Alarmbereitschaft zu versetzen. Sie können vom Militärbündnis NATO angefordert und schon bald nach Europa verlegt werden.

Andrea Kendall-Taylor sieht darin einen Strategiewechsel der Biden-Regierung. Kendall-Taylor analysierte transatlantische Sicherheitspolitik und sagte im Fernsehsender PBS:

Es ist wichtig, für Situationen vorbereitet zu sein, in denen der Konflikt zwischen Russland und Ukraine auf NATO-Staaten überschwappen könnte, besonders auf Polen und Rumänien. Ein weiteres Ziel ist es, Entschlossenheit zu zeigen.

Militärhilfe in Milliardenhöhe

Entschlossenheit demonstrieren die USA: Zum Beispiel seit 2014 mit Militärhilfe von insgesamt 2,5 Milliarden Dollar für die Ukraine. Mit der Androhung beispielloser Sanktionen, sollte Russland ein weiteres Mal die Ukraine überfallen. Moskau wirft den USA auch deshalb vor, eine militärische Auseinandersetzung zu forcieren.

In Washington klingt das teilweise ganz anders: Die Biden-Regierung müsse viel mehr tun, sagte zum Beispiel der Ex-Marineinfanterist und Analyst Phillip Karber im Fernsehen. Während ein Marine-Einsatz im Schwarzen Meer "zu gefährlich" wäre, könnte der Einsatz von Aufklärungflugzeugen über der Ukraine "sehr hilfreich" sein, so Karber - diese könnten "das Land frühzeitig vor Angriffen warnen, um deren kleiner Luftwaffe gegen die viel größeren russischen Angriff zu helfen".

Sanktionen gegen Putin?

US-Truppen im Fall eines Krieges in die Ukraine zu entsenden, schließt Präsident Biden aus. Aber Wirtschaftsstrafen könnten sich gegen Putin persönlich richten. Der Export von Waren zum Beispiel für die Luft- und Raumfahrt könnte gestoppt werden.

Und doch wirkt alles gehetzt. Das hat viel mit der bisherigen Russland-Politik zu tun. Der abgewählte US-Präsident Trump sah im Autokraten Putin einen Kumpel. Die Biden-Regierung wiederum habe den Konflikt mit Russland unterschätzt, kritisiert der ehemalige US-Botschafter Michael McFaul.

Als die Biden-Regierung ihre Arbeit aufgenommen hatte, wollten sie sich auf China konzentrieren. Und die Beziehungen zu Russland wollten wir nur stabilisieren. Jetzt brauchen wir eine umfassende Strategie für den Umgang mit beiden Autokratien.

Wenn man Glück habe, ergänzte McFaul im Interview mit MSNBC, und vorher kein Krieg ausbreche.

Die Diplomatie wird noch nicht aufgegeben

Die US-Regierung setzt zudem weiter auf Gespräche und Diplomatie, auch wenn sie die Forderungen Russlands nach einem Rückzug der NATO aus Osteuropa ablehnt. 

Es sei wie Kaffeesatzlesen, sagt Präsident Biden beim Besuch eines Souvenir-Geschäfts auf Capitol Hill. Letztendlich liege die Entscheidung bei Putin allein.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 26. Januar 2022 um 08:53 Uhr.