Menschen gehen im Stadtviertel Greenwood an einer Wandmalerei vorbei, auf der Black Wallstreet steht.  | AP

Gedenken an Massaker in Tulsa "Ich höre immer noch die Schreie"

Stand: 31.05.2021 09:13 Uhr

Vor 100 Jahren überfiel ein Mob weißer Männer das von Schwarzen bewohnte Stadtviertel Greenwood und brannte es nieder. Mindestens 300 Afroamerikaner starben - aufgeklärt wurde der Fall bis heute nicht.

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Viola Ford Fletcher ist gerade 107 Jahre alt geworden. Sie war sieben Jahre alt, als ihre Eltern sie, heute vor 100 Jahren, nachts aus dem Bett zerrten. Wir müssen weg, sagten sie. Nie werde sie die Brutalität des weißen Mobs vergessen, sagte Fletcher neulich im US-Senat. Als sie ihr Haus in Greenwood verließen, sah das Mädchen, wie schwarze Männer erschossen wurden, wie Häuser brannten. Sie höre immer noch die Schreie, sie habe das Massaker jeden Tag durchlebt.

Katrin Brand ARD-Studio Washington

Greenwood vor 100 Jahren, das war bis dahin ein blühendes, von Afroamerikanern bewohntes Stadtviertel von Tulsa, Oklahoma. Hotels, Kinos, Geschäfte, Juweliere, Ärzte, Anwälte, private Flugzeuge und Autos. "Für Afroamerikaner war das der reichste Ort im ganzen Land", erzählt der Pfarrer Robert Turner. Seine Kirche, die African Methodist Episcopal Church, war das einzige Bauwerk, das den Brand überstand. Im Keller, zeigt er beim Rundgang, hätten sich hunderte Menschen in der Mordnacht versteckt.

Flugzeuge warfen Sprengsätze ab

Die Vorgeschichte: Ein junger schwarzer Mann hatte angeblich ein junges weißes Mädchen belästigt. Ein weißer Mob wollte ihn lynchen, bewaffnete schwarze Männer stellten sich dazwischen, Schüsse fielen. Später in der Nacht, auf Kommando, stürmten weiße Männer den schwarzen Stadtteil. Flugzeuge warfen aus der Luft Sprengsätze ab, Menschen wurden erschossen, Häuser geplündert und angesteckt, Überlebende interniert.

"Ihre Absicht war es, jeden und alles Schwarze zu zerstören", sagt Quraysh Ali Lànsana, Autor und Professor an der Uni in Tulsa. Mindestens 300 Afroamerikaner starben. Viele flohen, von den rund 10.000 Einwohnern blieben nur 4000 übrig. Die Verbliebenen bauten ihren Stadtteil wieder auf, gegen alle Widerstände. Greenwood blühte erneut - bis der Bau einer Hochstraße das Viertel ein weiteres Mal zerstörte.

Ereignisse wurden nie untersucht

Ein paar Geschäftshäuser sind übrig, trotzig nennen sie sich "Black Wall Street", wie das Greenwood von früher. "100 Jahre, und wir sind immer noch da", sagt DJ Mercer, ein junger Mann, der Gerechtigkeit für Greenwood fordert.

Sie wollen die Wahrheit erzählen, was während des Massakers und danach passiert ist, mit den bleibenden Folgen für die Opfer und ihre Nachfahren, sagt er. Tatsächlich sind die Ereignisse nie untersucht worden, niemand wurde entschädigt, niemand kam ins Gefängnis. Und viele US-Amerikaner, selbst in Oklahoma, wussten lange nichts davon. Eines der größten Massaker in der Geschichte der USA ist mutmaßlich auch das am wenigsten bekannte.

Auf einem Friedhof wurden Hinweise auf ein Massengrab entdeckt. "Das ist das Traurige daran, dass es keine Untersuchung gab", sagt Pfarrer Turner. Man wisse wirklich nicht, wie viele Menschen gestorben sind und wer darunter war. Es könnten weitere Hunderte, wenn nicht Tausende bisher unbekannte Opfer sein. 100 Jahre nach dem Massaker von Greenwood sind Aufklärung und Gerechtigkeit noch immer weit weg.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 31. Mai 2021 um 10:10 Uhr.