Eine Lehrerin im Gespräch mit einer Schülerin an einer Schule in den USA. | AP

US-Schulen Kulturkampf um den Lehrplan

Stand: 17.02.2022 13:53 Uhr

Rassismus-Theorien, Sexualkunde, Gendern: An vielen US-Schulen tobt ein Kulturkampf um Lehrpläne. Konservative Eltern und Politiker führen einen Feldzug gegen angeblich unpatriotische Inhalte.

Von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

Er hat’s vorgemacht: Glenn Youngkin, der Überraschungs-Sieger bei der Gouverneurswahl letzten November im US-Bundesstaat Virginia. "Keine Politik mehr im Klassenzimmer", versprach der Republikaner den Eltern und traf damit einen Nerv. Die Inspiration für seinen Wahlkampfschlager verdankt Youngkin Donald Trump - bekannt für seinen sicheren Instinkt für polarisierende Themen.

Sebastian Hesse ARD-Studio Washington

"Man bringt unseren Kindern in der Schule bei, ihr eigenes Land zu hassen", wird Trump nicht müde, die patriotische Elternschaft zu warnen. Die Gründungsväter seien nicht mehr Helden, wie es früher gelehrt wurde, sondern Schurken.

Angeblich unpatriotische Lehre wird verboten

Trump, Youngkin und ihre Parteifreunde haben "Critical Race Theory", kurz CRT, - ursprünglich ein Erklärungsmodell für Rassismus aus der Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre -, umgedeutet zu einem Kampfbegriff für jegliche Lehre, die ihnen zu links und zu "unpatriotisch" erscheint. Um CRT aus den Lehrplänen zu verbannen, verabschiedet derzeit ein republikanischer Bundesstaat nach dem anderen entsprechende Gesetze.

Allen voran Florida mit seinem "Stop WOKE Act". "Kein Steuerzahler-Dollar dafür, dass man unseren Kindern beibringt, ihr Land zu hassen", so Floridas Gouverneur Ron DeSantis. Das Lehren von "Critical Race Theory" ist jetzt verboten an Floridas Schulen. Und wo sich Lehrer darüber hinwegsetzen, da sollen Eltern die Schulleitung verklagen, so der Gouverneur. "Damit Eltern das Verbot von CRT gerichtlich durchsetzen können, übernimmt der Bundesstaat Florida ab sofort ihre Anwaltskosten", verspricht DeSantis.

Andere US-Bundesstaaten ziehen nach

Und weil die republikanische Elternschaft entzückt ist, haben Staaten wie Oklahoma mit ganz ähnlicher Gesetzgebung nachgezogen: "Wir müssen Geschichte unterrichten, ohne dass sich unsere Kinder als Unterdrücker oder Schuldige schämen müssen", so Oklahomas Gouverneur Kevin Stitt an die Adresse vor allem weißer Eltern.

Das staatliche Bereinigen von Lehrinhalten erreichte seinen vorläufigen Höhepunkt, als letzten Monat in Tennessee der Pulitzerpreis-gekrönte Holocaust-Comic "Maus" aus einem Schuldistrikt verbannt wurde: Zu brutal, zu freizügige Nacktbilder. Autor Art Spiegelmann konnte es nicht fassen. Er habe versucht, Toleranz aufzubringen für die Verantwortlichen, die ja vielleicht gar keine Nazis seien, so Spiegelmann in einem CNN-Interview.

Egal ob es nun um Rassismus geht, um Sexualkunde, um Gendern oder auch nur um Maskenpflicht in Schulgebäuden: Die Debatte polarisiert, sie mobilisiert - und lässt niemanden kalt. "Virginia hatte die Nase vorn”, sagt der neue Gouverneur Youngkin selbstzufrieden. "Jetzt ermächtigt auch der Rest des Landes die Eltern, selbst zu bestimmen was ihre Kinder lernen!"

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Februar 2022 um 08:26 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".