Das Containerschiff "Ever Forward" der Reederei Evergreen | AFP

Schiffshavarie in den USA Festgefahren im Schlamm der Chesapeake Bay

Stand: 06.04.2022 09:00 Uhr

Es erinnert an die "Ever Given", die ein Jahr zuvor den Suezkanal blockierte. Seit Wochen steckt nun das Containerschiff "Ever Forward" vor der US-Küste im Schlamm fest. Bergungsversuche scheiterten. Und jetzt?

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Die Chesapeake Bay hat eine neue Attraktion. Das Lokalfernsehen ist in den kleinen Park von Pasadena im US-Bundesstaat Maryland gekommen, und ein kleiner Junge soll in die Kamera sagen, was er sieht: "Shipping containers". Das fällt ihm hörbar schwer.

Katrin Brand ARD-Studio Washington

Schiffscontainer, das ist aber auch ein schwieriges Wort. Zu sehen gibt es in der Tat Tausende davon, alle gestapelt auf eine Frachtschiff, auf dem in großen Buchstaben der Name Evergreen steht. So nennt sich das Logistikunternehmen. Das Schiff selbst heißt "Ever Forward", also "Immer voran" - aber genau das passiert gerade nicht. Die "Ever Forward" steckt seit Wochen im Schlamm der großen Bucht fest. Von Baltimore kommend ist sie in Sichtweite des Parks auf Grund gelaufen.

"Das Schiff hat eine Wassertiefe von 13 Metern, so viel braucht es, um zu schwimmen", sagte Kapitän John Martino von der Seefahrtschule Annapolis im Fernsehsender ABC. "Es ist aber in einem Gewässer mit nur sieben Metern Tiefe. Also steckt es ordentlich fest."

Da war doch mal was?

Das klingt bekannt. Die "Ever Given" - ebenfalls ein Containerfrachter der taiwanischen Reederei Evergreen Marine - steckte im vergangenen Jahr im Suezkanal fest und blockierte damit eine der wichtigsten Seefahrtrouten der Welt. Das ist in der Chesapeake Bay anders.

Das Frachtschiff liegt nicht in der Fahrrinne auf Grund, sondern außerhalb. Aber Firmen und Privatleute warten dringend darauf, dass die fast 5000 Container ausgeliefert werden. Da stecke ihre ganze frühere Wohnung drin, alles, was ihr Mann und sie besitzen, beklagt sich Kundin Tracy Alloway beim TV-Sender ABC.

Das Containerschiff "Ever Forward" der Reederei Evergreen | AFP

Dieser Abtransport kann dauern: Die "Ever Forward" konnte bislang nicht aus der Bucht herausgezogen werden. Bild: AFP

Ein altes Gesetz wird entdeckt

Und nun droht auch noch finanziell Ungemach. Die Spedition beruft sich auf ein sehr altes Gesetz, nachdem die Besitzer des Frachtgutes an der Bergung des Schiffes finanziell beteiligt werden sollen.

Nicht so schnell, warnt Sal Mercogliano, ein Experte für Schifffahrt, in seinem Videoblog. Erst müsse doch mal geklärt werden, wie es zu der Havarie kam: "Wenn ein Schiff aus Baltimore ausläuft, dann steht physisch jemand am Steuer oder an den Kontrollstellen dieses Schiffes!" Sei es also ein Fehler des Steuermanns gewesen oder höhere Gewalt?

Die Container müssen von Bord 

Zwei Versuche, das Schiff freizuschleppen, scheiterten. Nun bleibt nichts anderes übrig, als die fast 5000 Container abzuladen und zurück nach Baltimore zu bringen. Das kann dauern. 

Das sei nicht gut, sagt Experte Mercogliano. Das Schiff sitze seit Mitte März auf seinem Boden, dafür seien Schiffe aber nicht gemacht. Er fürchtet, dass sich Risse bilden könnten, vor allem, wenn das Schiff in einem Sturm hin- und hergeworfen werde. Und noch sei aller Treibstoff an Bord.

Sorge um die Wasserqualität

Seit Jahrzehnten versuchen die anliegenden Bundesstaaten, die Wasserqualität in der Chesapeake Bay zu verbessern. Vor allem Dünger aus der Landwirtschaft belastet das Ökosystem. Sollte Öl aus der "Ever Forward" auslaufen, könnte das gefährlich für Fische und Austern werden.

So oder so, die Zuschauer am Ufer werden noch lange üben können, wie man "Schiffscontainer" ausspricht.

 

 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. April 2022 um 10:12 Uhr und 11:51 Uhr.