Menschen schlafen umgeben von gebrauchten Nadeln auf einer Straße im Stadtteil Tenderloin in San Francisco | AP

Corona verschärft Drogenproblem San Francisco und die Überdosis Fentanyl

Stand: 17.01.2022 10:31 Uhr

Lange galt San Francisco im Umgang mit Drogen als Vorbild. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist der US-Stadt aber die Kontrolle entglitten. Nahezu täglich sterben dort zwei Menschen an einer Überdosis.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Bislang war die US-Stadt San Francisco für ihre liberale Drogen-Politik bekannt - und dafür, Drogensucht als eine Krankheit zu behandeln. Die Stadt gab an die Süchtigen saubere Spritzen aus, stellte Räumlichkeiten zur Verfügung und bot Hilfen beim Ausstieg an - zum Beispiel mit der Ersatzdroge Methadon.

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

Vor wenigen Tagen aber hat die Bürgermeisterin von San Francisco, London Breed, die Notbremse gezogen und für das Stadtviertel Tenderloin - dem Zentrum der Stadt - den Notstand ausgerufen.

"Die Einwohner sollten sich auf der Straße nicht dauernd umsehen müssen oder befürchten, dass man ihnen willkürlich ins Gesicht schlägt", sagt Breed. "Sie sollten nicht mit ansehen müssen, wie sich jemand eine Nadel in verschiedene Teile seines Körpers sticht, auf der Straße liegt und sich fragen, 'wie kann ich hier helfen?' ", so die Bürgermeisterin.

Hauptproblem Fentanyl

Die Notstanderklärung ist eine Kehrtwende. Rettungskräfte können jetzt Drogenabhängige auch gegen deren Willen in Krankenhäuser oder Entzugskliniken einweisen. Spezielle Einsatzteams suchen jetzt innerhalb von 72 Stunden jeden Drogenabhängigen auf, der an einer Überdosis fast gestorben wäre und bieten Wohnraum und einen Drogenentzug an.

Das Hauptproblem ist Fentanyl, sagt Rettungssanitäter Michael Mason: "Fentanyl ist in fast jeder Droge in San Francisco beigemischt - ob Meth, Kokain oder Heroin. Dadurch verdreifacht sich das Risiko einer Überdosis." Die Zahl der Menschen, die an einer Überdosis gestorben sind, hat sich in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt.

Die Ärztin Joanne Sun, die die Notaufnahme des Saint Francis Krankenhaus nahe des Tenderloin-Viertels leitet, bestätigt, was Rettungssanitäter Mason sagt: Sie habe den Eindruck, dass die Betroffenen häufig eine Überdosis Fentanyl nähmen. "Sie wissen oft gar nicht, dass es sich bei der Droge um Fentanyl handelt. Sie hatten eigentlich vor, Crystal oder Kokain zu kaufen", so Sun.

Fentanyl macht sofort abhängig

Fentanyl ist eine synthetische Droge, die hundertmal stärker wirkt als Morphium. Das Schlimme daran: Fentanyl macht sofort abhängig. Seit Beginn der Pandemie findet der Konsum der harten Drogen oft alleine statt, keiner ist da, der im Notfall einen Arzt rufen kann. Die Zahl der Todesfälle durch eine Überdosis in San Francisco ist mittlerweile dreimal höher als in Großstädten wie Los Angeles oder New York.

Axel Postinett lebt seit elf Jahren im ehemals angesagten Viertel Tenderloin. Der deutsche Journalist berichtet unter anderem für das "Handelsblatt" über das Silicon Valley und die US-Westküste. "Von überall her kommen die Drogendealer und auch die Abhängigen, die Stoff suchen, ins Tenderloin", sagt Postinett.

711 Überdosis-Tote im Jahr 2020

Vor ein paar Jahren hat es in San Francisco im Durchschnitt weniger als 200 Todesfälle durch Überdosen pro Jahr gegeben. Mitte 2018 begannen die Zahlen in die Höhe zu schnellen und im ersten Pandemie-Jahr 2020 starben 711 Menschen an einer Überdosis in der Stadt - mehr als doppelt so viele wie am Coronavirus. 

Postinett hat schon mehrmals überlegt, aus dem Stadtviertel wegzuziehen: "Da sind Menschen, die auf dem Bürgersteig liegen, da sind Zelte, die auf dem Bürgersteig aufgebaut sind, an denen du vorbeigehst", beschreibt der Journalist seine Eindrücke über das Viertel. "Nadeln, die auf der Straße liegen und ja, ganz offen gesagt eben auch jede Menge Exkremente. Und die wenigsten davon sind von Hunden. Das ist das Tenderloin."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. Januar 2022 um 15:35 Uhr.