Ein Stuhl steht auf einer Sandbank in dem Großen Salzsee im US-Bundesstaat Utah (Archivbild). | AP

USA Der Great Salt Lake trocknet aus

Stand: 09.07.2022 02:35 Uhr

Inmitten einer schweren Dürre ist der Wasserstand am berühmten Großen Salzsee im US-Bundesstaat Utah auf den niedrigsten jemals gemessenen Wert gesunken. Damit wurde der bislang niedrigste Stand vom Oktober 2021 unterschritten.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Washington

Der See sei in einem schwierigen Zustand, sagt der Rancher Joel Ferry. Es herrsche die schlimmste Dürre seit 1200 Jahren. Der Wassersspiegel sei historisch tief. In diesem Sommer falle er wahrscheinlich auf ein neues Allzeittief. "Wir sind auf der Titanic, wir fahren und versuchen, dem Eisberg auszuweichen."

Reinhard Baumgarten

Seit den 1980er-Jahren ist der Great Salt Lake bereits um mehr als zwei Drittel auf heute noch knapp 1600 Quadratkilometer Fläche geschrumpft. Wo früher Wasser war erstrecke sich jetzt eine grau-braune festgebackene Fläche.

Der Wissenschaftler Kevin Perry warnt, der trockengelegte Seegrund habe es in sich. "Der See könnte zu einer der größten Staubquellen in Nordamerika werden. Das Ökosystem befindet sich am Rande des Zusammenbruchs."

Karte USA mit Bundesstaat Utah und dem Großen Salzsee

Schwermetalle, in den See geschwemmt

Viele Jahre wurde in den Bergen Utahs nach Metallen und Mineralien geschürft. Die Flüsse Jordan, Weber und Bear haben Unmengen an toxischen Stoffen wie Antimon, Kupfer, Zirconium und andere Schwermetalle in den Großen Salzsee getragen.

Im Great Salt Lake ticke eine Zeitbombe, warnen Wissenschaftler. Die nach dem Austrocknen festgebackene Kruste des einstigen Seegrundes werde nach und nach erodieren und gefährliche Stoffe freisetzen, warnt John Perry von der Utah State University. "Uns besorgt, dass Partikel vom Seegrund in die Lunge der Menschen gelangen. Das besorgt uns umso mehr, weil da potentiell gefährliches Arsen dabei ist."

Viel Wasser geht in den Agrarsektor

In bepflanzten Regionen gleicht das aride Utah einem Garten Eden mit Obstbau, Viehzucht, Garten- und Ackerbau. Das kostbare Nass dafür kommt hauptsächlich aus den drei den See speisenden Flüssen. Knapp 80 Prozent des Wassers werden in der Landwirtschaft verbraucht.

Im Sommer wird es heiß im staubtrockenen Bundesstaat Utah, oft sogar ziemlich heiß. Die Luftfeuchtigkeit ist niedrig. Ohne künstliche Bewässerung würde vielerorts wenig bis nichts wachsen.

Salt Lake City mag es grün

Bepflanzte Anlagen, Parks und Vorgärten in der Stadt: Salt Lake City und ihre Bürger lieben es grün. Das hat Folgen.

Utahs Stadtbewohner haben den höchsten Pro-Kopf-Wasserverbrauch in den USA, moniert Zachary Frankel. Er ist Direktor des Utah Rivers Council. Im Schnitt verbrauchen die Menschen in Utah über 300 Liter mehr Wasser pro Kopf und Tag als beispielsweise die Bewohner von Denver (US-Bundesstaat Colorado), so Frankel.

Der Wasserverbrauch wächst rasant, weil Salt Lake City mit heute rund 2,5 Millionen Einwohnern auch weiter rasant wächst. Wassersparen, so Frankel, sei für viele keine Option. "Du wirst mit Wasser gefüllte Rinnsteine sehen, Leute benutzen einen Schlauch anstatt eines Besens, um ihre Einfahrt zu säubern. Sie wässern, während es regnet. Das alles, weil wir die niedrigsten Wasserpreise in den Vereinigten Staaten haben."

Der Wasserpreis ist hochsubventioniert. Niemand wird über einen höheren Wasserpreis in einem der trockensten Bundesstaaten der USA dazu angehalten, Wasser zu sparen.

Weniger Niederschläge

Der Wasserverbrauch spielt beim Austrocknen des Great Salt Lake eine große Rolle. Noch wichtiger sind aber zurückgehende und ausbleibende Niederschläge. Im Jahresdurchschnitt belaufen die sich je nach Region auf 20 bis 120 cm im Jahr.

Das meiste Wasser kommt als Schmelzwasser aus der mehr als 3000 Meter hohen Wasatch Bergkette. Aber der Schneefall gehe spürbar zurück, sagt der Klimatologe Robert Gillies von der Utah State University. "Durch das wärmere Klima fällt Regen statt Schnee. Und durch höhere Temperaturen schmilzt der Schnee im Frühjahr zwei bis drei Wochen eher."

In den vergangenen vier Jahren sei die Schneemenge auf noch etwa 80 Prozent des Durchschnitts früherer Jahre zurückgegangen, sagt Klimaforscher Gillies. Der Grund dafür: Von dem schrumpfenden See verdunstet weniger Wasser zur Wolkenbildung. In den Bergen geht die Feuchtigkeit dann als Schnee nieder.  

Hinzu kommt: Durch die höheren Temperaturen im Frühjahr verdunste auch gleich bei der Schneeschmelze mehr Wasser als früher. Dadurch gelange weniger Schmelzwasser in die Flüsse und schließlich in den See. Der Wasserkreislauf gleicht einer Spirale nach unten.

Was wird aus den Zugvögeln

Weniger Wasser im salzigen See, heißt auch: Der Salzgehalt steigt. Das habe beträchtliche Auswirkungen auf Flora und Fauna, warnt Robert Gillies. Denn der See diene rund 10 Millionen Zugvögel als Rastplatz, weil es dort Wasser und Nahrung gebe - vor allem Brine Shrimps.

"Diese Shrimps sind auf Algen angewiesen. Während der See abnimmt, nimmt der Salzgehalt zu. Wenn der Salzgehalt 17 Prozent überschreitet, können die Algen nicht überleben und damit werden auch die Brine Shrimps abnehmen."

Pessimisten fürchten, dass die kritische Marke von 17 Prozent Salzgehalt schon in diesem Sommer erreicht werden könnte. Sterben die Algen, dann sterben die Shrimps. Die vielen Vögel werden nicht mehr ausreichend Nahrung finden. Etwas Besseres oder Anderes als den Great Salt Lake werden sie im Umkreis von vielen hundert Meilen nicht finden. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. Juli 2022 um 05:51 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".