Mike Pence bei einer Rede vor der Heritage Foundation | EPA

USA Der tiefe Fall des Mike Pence

Stand: 24.07.2021 06:41 Uhr

Erst Vize, dann Präsident: So dürfte die Kalkulation von Mike Pence ausgesehen haben. Doch trotz eiserner Treue zu Donald Trump ist Pence heute bei den meisten Republikanern unten durch - dazu genügte ein einziger Tag.

Von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

Es gab da diesen Witz, der in Washington lange Zeit für Schenkelklopfen gesorgt hat. Frage: "Mit welchen Worten begrüßt Mike Pence seine Frau am Frühstückstisch?" Antwort: "Dank Ihrer großartigen Führung, Herr Präsident, wünsche ich Dir einen guten Morgen!" Vier Jahre lang hatte Pence jede Äußerung bei jedem öffentlichen Auftritt mit Trump mit der Formel "Dank Ihrer großartigen Führung, Herr Präsident" begonnen. Schmeichelei und Unterwürfigkeit erlangten in diesen Jahren eine neue Dimension.

Sebastian Hesse ARD-Studio Washington

Es ist viel darüber spekuliert worden, was dem damaligen Vizepräsidenten in diesen Situationen wirklich durch den Kopf gegangen ist. Pence und Trump: Das war ein ungleiches Paar. Der streng gläubige Konservative alter Schule und der Baulöwe, Kasinobetreiber und Playboy, der spät zu den Republikanern wechselte und noch später in die aktive Politik. Pence und Trump: Das war eine Zweckgemeinschaft. Der Quereinsteiger, der neue Wählerschichten für die Republikaner erschloss und der Traditionalist, der zunächst loyal mitwirkt und dann das Erbe antritt.

Bekannt ist, dass Pence’ Ehefrau Karen zunächst überhaupt nicht angetan war von der Idee, dass sich ihr Ehemann, damals noch Gouverneur von Indiana, dem zweifach geschiedenen Prahlhans Trump unterordnet, nachdem dieser 2016 die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner gewonnen hatte und Pence die Kandidatur für die Vizepräsidentschaft antrug. Aber Pence witterte damals eine Chance, setzte alles auf die Trump(f)-Karte - und verlor.

Vizepräsident Pence steht hinter US-Präsident Trump bei einem Auftritt vor der Presse im Weißen Haus. | AFP

Stocksteifer Gehorsam und unbedingte Rückendeckung: So sah die Aufgabenverteilung zwischen Trump und Pence aus. Bild: AFP

Kaum noch Rückhalt

Eine aktuelle Umfrage aus dem eigenen Lager, von der "Conservative Political Action Conference", sieht Pence weit abgeschlagen auf dem potenziellen Bewerberfeld für die Präsidentschaftskandidatur 2024. Nur ein Prozent seiner Parteifreunde würden den ehemaligen Vizepräsidenten bei seiner Kandidatur unterstützen. "Mike Pences politische Karriere ist vorbei", befand Steve Bannon, Galionsfigur der Neuen Rechten und früherer Trump-Berater. "Die Trump-Leute mögen ihn nicht mehr", so Bannon, "und die Trump-Gegner mögen ihn ohnehin nicht!"

Dass Pence, der sicher geglaubte Thronfolger, so dramatisch abgeschmiert ist in der Gunst seiner Parteifreunde, verdankt er bittererweise seinem vormaligen Chef Trump.

"Ich war sehr enttäuscht von Mike Pence", so Trump dieser Tage erst wieder in einem Interview. Gemeint ist, dass Pence am 6. Januar im Kongress den Wahlsieg von Joe Biden zertifiziert hatte, gegen Trumps Willen. "Wenn Mike Pence den Mumm gehabt hätte, die Wahlergebnisse zur Prüfung an die Landesparlamente zurückzuschicken, dann hätten wir jetzt einen völlig anderen Wahlausgang", so Trump.

Alle Fachleute betonen zwar, dass Pence unter der Verfassung keine andere Wahl hatte, da nicht der geringste Beweis für Unregelmäßigkeiten bei der Wahl vorgebracht werden konnte. Aber Trumps kontinuierliche Falschbehauptung sorgte dafür, dass rund zwei Drittel der Republikaner die Mär vom gestohlenen Wahlsieg Trumps glauben - und dass Pence die historische Chance verpasste, Trump und sich selber eine zweite Amtszeit zu bescheren.

US-Vizepräsident Pence und Repräsentenhaus-Führerin Pelosi im Kongress am 6. Januar 2021 | AP

Der Tag, an dem Pence sich an die Verfassung hielt: Am 6. Januar stand im Kongress die Bestätigung des Wahlergebnisses an - und Pence zertifizierte es. Bild: AP

Die Wut auf ihn ist groß

Bei einem wichtigen Treffen des rechtskonservativen Establishments, der "Faith and Freedom Coalition"-Konferenz vergangenen Monat in Florida, wurde Pence mit "Verräter, Verräter!"-Rufen begrüßt. Schon beim Sturm auf das Kapitol am 6. Januar skandierte der Mob: "Hängt Mike Pence!" Raymond Harre, Vize-Chef der Republikaner in Scott County, Iowa, sagte dem Online-Magazin Politico: "Es gibt Trump-Anhänger, die Mike Pence für den Anti-Christen halten."

Pence aber scheint bis heute nicht zu verstehen, was ihm widerfahren ist. Obwohl Trump seinen vormaligen Vize anhaltend öffentlich attackiert, möchte dieser nicht mit ihm brechen: Ja, so Pence, er werde Trump unterstützen, sollte der 2024 noch einmal antreten. Das Maximum an öffentlicher Distanz bestand in Pence’ Bemerkung, dass er und Trump sich wohl niemals einig sein werden in der Bewertung der Geschehnisse vom 6. Januar.

Wie das System Trump funktioniert

Der tiefe Fall des Mike Pence illustriert eindrucksvoll das Funktionieren des Systems Trump. Solange dessen Weggefährten ihn umschmeicheln und exakt tun, was Trump wünscht, werden sie in höchsten Tönen gelobt und gefördert.

Die Gunst kann aber jederzeit von einer Sekunde auf die andere entzogen werden. Diese schmerzhafte Erfahrung haben fast alle Trump-Mitstreiter machen müssen. Eigentlich nur mit einer einzigen prominenten Ausnahme: Ex-Außenminister Mike Pompeo, bis heute ein unerschütterlicher Trump-Getreuer.

Auf der Liste der potenziellen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner steht Pompeo entsprechend ganz oben, dicht gefolgt von zwei ultra-konservativen Gouverneuren, die sich immer wieder als Trumpisten inszeniert haben: Ron DeSantis aus Florida und Greg Abbott aus Texas. Sollte Trump nicht doch noch selber seinen Hut in den Ring werfen, dann wird einer seiner Getreuen Biden herausfordern. Für Pence, der vier Jahre lang gesetzt schien, ist der Blütentraum von der Präsidentschaftskandidatur 2024 jedenfalls ausgeträumt.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 24. Juli 2021 um 11:35 Uhr.

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KOMMENTARE

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fathaland slim 24.07.2021 • 18:05 Uhr

17:21, Eduart de Machina @16:06 von fathaland slim

>>16:06 von fathaland slim "Marx hat Klasse anders definiert." Wirklich? Heute haben Sie es mit Definitionen ... okay. Welchen Marx meinen Sie? Ich habe keinen einzigen erwähnt. << Aber ich. Denn ich beziehe mich in meiner Klassendefinition auf Karl Marx. >> Sie meinen, Politiker orientieren sich an "ganz pragmatischen Anforderungen der Politik"? Worum geht es denn da? Und warum werden die immergleichen Probleme so gelöst, dass sie nicht verschwinden, bei all der Problemorientierung von Politikern? Wenn ich an die Feuerwehr, an die Bergretter oder z.B. an die Problemlösungskompetenz und -fhigkeiten von Marketingabteilungen und Werbeagenturen denke, da treffe ich auf wirkliche Effizienz.<< Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Politik ist immer ein Ausgleich unterschiedlicher Interessen. Vor allem, wenn man wiedergewählt werden möchte. Das unterscheidet Politiker von Katastrophenhelfern und Marketingabteilungen.