Anhänger der US-Demokraten sehen sich die Wahlergebnisse auf einer Veranstaltung in der Wahlnacht an. | AFP

US-Zwischenwahlen Durchmarsch der Republikaner bleibt aus

Stand: 09.11.2022 09:38 Uhr

Das Rennen um den US-Kongress geht ersten Ergebnissen zufolge knapper aus als erwartet. Der von Beobachtern vorhergesagte Durchmarsch der Republikaner zeichnete sich nicht ab - und der Wahlkrimi könnte sich noch über Wochen hinziehen.

Auch Stunden nach Schließung vieler Wahllokale gibt es bei den richtungsweisenden Zwischenwahlen in den USA noch keine Gewissheit, ob künftig die Demokraten oder die Republikaner den US-Kongress dominieren werden. Das Rennen der beiden Parteien bei den sogenannten Midterms ist bislang enger als erwartet - bislang zugunsten der Demokraten. Denn der von Beobachtern vorhergesagte und von den Demokraten befürchtete Erdrutschsieg der Republikaner zeichnete sich bislang nicht ab.

Führende Politiker der Republikaner räumten ein, dass die Partei von Ex-Präsident Donald Trump nicht den von ihnen erhofften eindeutigen Sieg einfahren dürfte. "Definitiv keine republikanische Welle, das ist verdammt sicher", sagte etwa der republikanische Senator Lindsay Graham im Sender NBC. Sein Senatskollege Ted Cruz sagte, die Welle sei "nicht so groß, wie ich gehofft hatte". 

Biden muss um Mehrheiten bangen

Vielmehr setzten sich bisher in den eher liberalen Staaten erwartungsgemäß die Demokraten durch, während die Republikaner in ihren Hochburgen im Süden und im Mittleren Westen der USA reüssierten. Viele besonders hart umkämpfte Rennen etwa um Senatsmandate sind noch offen.

Die Republikaner müssen nur einen Sitz im Senat und fünf im Repräsentantenhaus hinzugewinnen, um die Mehrheitsverhältnisse umzudrehen. Ein Sieg der Republikaner bereits in einer der beiden Kammern könnte aussreichen, um die politischen Vorhaben von US-Präsident Joe Biden in den letzten zwei Jahren seiner Amtszeit zu blockieren oder zumindest auszubremsen.

Deutliche Erfolge für Republikaner in Florida

Vor allem in Florida schnitten die Republikaner gut ab. Dort wurde der amtierende Gouverneur Ron DeSantis klar wiedergewählt. Er gilt vielen als möglicher Konkurrent von Donald Trump im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur 2024. Trump hatte DeSantis zuvor gedroht, falls dieser ins Rennen ums Weiße Haus einsteigen sollte.

Auch Senator Marco Rubio konnte sein Rennen deutlicher für sich entscheiden als zuvor erwartet. Landesweit war dieser Trend zunächst aber nicht zu beobachten. In Wahlbezirken, in denen sich 2020 einzelne Demokraten für das Repräsentantenhaus durchgesetzt hatten, obwohl sich die Mehrheit des Bezirks für den Republikaner Trump entschied, gab es kaum klare Anzeichen für deutliche republikanische Zugewinne. Auch in jenen Wahlbezirken, die Biden nur knapp für sich entschieden hatte, sah es zunächst nicht nach klaren Zugewinnen der Republikaner aus.

Bei der Wahl der offenen Senatsmandate entsprachen erste Ergebnisse den Prognosen. In den Bundesstaaten Indiana, Kansas, Kentucky und Oklahoma etwa setzten sich Republikaner durch, in Colorado, New York und Illinois hingegen demokratische Kandidaten. Bei den Gouverneurswahlen gab es wie erwartet zwei Zugewinne für die Demokraten in Maryland und Massachusetts.

Autor Vance gewinnt Senatssitz in Ohio

In Ohio wurde der republikanische Bestseller-Autor J.D. Vance in den US-Senat gewählt. Vance setzte sich gegen den demokratischen Kandidaten Tim Ryan durch, wie mehrere US-Sender auf Grundlage von Wählerbefragungen und ersten Stimmauszählungen meldeten. Vance hatte sich vor einigen Jahren noch kritisch über Ex-Präsident Trump geäußert - dann vollzog er jedoch eine Kehrtwende. Der 38-Jährige wurde im Wahlkampf kräftig von Trump unterstützt.

Der bisherige republikanische Senator war bei der Wahl nicht noch mal angetreten. Vance veröffentlichte 2016 seine Memoiren "Hillbilly Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise". Der Bestseller gibt Einblicke in eine Schicht, die damals Trumps Wahlsieg mit ermöglicht hat.

Demokraten erringen wichtigen Sieg in Pennsylvania

Im Rennen um einen Senatssitz im Bundesstaat Pennsylvania erzielten die Demokraten mit dem Sieg von John Fetterman einen wichtigen Erfolg. Der bisherige Vizegouverneur des Ostküstenstaates gewann demnach gegen seinen republikanischen Rivalen Mehmet Oz. Es war das erste Senatsmandat, das in der Wahlnacht von einer Partei zur anderen wechselte.

Wisconsin, Kalifornien und New York bleiben demokratisch

Im umkämpften US-Staat Wisconsin haben die Wählerinnen und Wähler den demokratischen Gouverneur Tony Evers im Amt bestätigt. Er setzte sich gegen seinen republikanischen Herausforderer Tim Michels durch, der von Ex-Präsident Donald Trump unterstützt wurde.

Auch in Kalifornien verteidigte der Demokrat Gavin Newsom sein Amt Prognosen zufolge souverän. Der 55-Jährige besiegte den Republikaner Brian Dahle. Der größte US-Bundesstaat mit knapp 40 Millionen Menschen ist eine Hochburg der Liberalen, Newsom gilt als einer der demokratischen Hoffnungsträger und möglicher Präsidentschaftskandidat.

In Michigan wurde die Demokratin Gretchen Whitmer erneut zur Gouverneurin gewählt, wie aus der Zählung der Nachrichtenagentur AP hervorging. Die Amtsinhaberin setzte sich gegen die Republikanerin Tudor Dixon durch.

Republikaner Kemp verteidigt Gouverneursamt in Georgia

Im wichtigen Staat Georgia verteidigte derweil der Republikaner Brian Kemp sein Amt als Gouverneur. Der 59-Jährige gewann gegen seine demokratische Konkurrentin Stacey Abrams.

Georgia war bei der Präsidentschaftswahl 2020 mit einer hauchdünnen Mehrheit an den späteren Präsidenten Joe Biden gegangen. Kemp und seine Regierung hielten dem anschließenden Druck des damaligen Präsidenten Trump stand, der sich mit seiner Niederlage nicht abfinden wollte und Unterstützung für seine Unwahrheiten über Wahlbetrug forderte.

Im US-Bundesstaat Arkansas wird eine frühere Sprecherin des Weißen Hauses unter Trump, Sarah Huckabee Sanders, neue Gouverneurin. Die Republikanerin ist treue Anhängerin des Ex-Präsidenten.

Viele Leugner der US-Präsidentenwahl setzen sich durch

Bei den US-Zwischenwahlen setzten sich bereits Dutzende republikanische Kandidaten durch, die den Ausgang der Präsidentenwahl 2020 offen angezweifelt hatten. Nach einer Aufstellung der "Washington Post" gewannen in den ersten Stunden nach Schließung der ersten Wahllokale bereits 133 sogenannte Wahlleugner ihre Abstimmungen, darunter viele Kongressabgeordnete. Viele weitere Rennen waren zunächst noch offen.

Die Zeitung und die renommierte US-Denkfabrik Brookings hatten vorab rund 300 republikanische Kandidaten für verschiedene Mandate und Ämter im Bund oder in den Bundesstaaten identifiziert, die die Wahlbetrugsbehauptungen des früheren republikanischen Präsidenten Trump geteilt und Zweifel am Ablauf von Wahlen gesät hatten.

Ergebnis könnte noch Wochen dauern

Es wird damit gerechnet, dass sich der Wahlkrimi über Tage oder vielleicht sogar Wochen hinziehen könnte. In Georgia etwa könnte erst eine Stichwahl am 6. Dezember Gewissheit schaffen, falls keiner der beiden Kandidaten über 50 Prozent der Stimmen kommt. Dort lagen der Demokrat Raphael Warnock und sein republikanischer Herausforderer Herschel Walker bei der Stimmenauszählung zuletzt so dicht beieinander, dass nicht abzusehen war, wer die Wahl gewinnt.

Wie schon im Jahr 2020 könnte in Georgia erst mit Verspätung entschieden werden, welche Partei die Kontrolle über den Senat übernimmt. Auch damals wurde erst per Stichwahl entschieden. Warnock setzte sich damals knapp durch sorgte dafür, dass die Demokraten eine hauchdünne Mehrheit im Senat bekamen. Wie seine Chancen diesmal stehen, hängt auch vom Ausgang der Senatswahlen in den anderen US-Staaten ab.