Ein Manati in einer Betreuungsstation in Florida. | AFP

Verhungernde Manatis Das Sterben der sanften Sympathieträger

Stand: 21.05.2021 11:43 Uhr

Sie sind Vegetarier, gesellig, ausgesprochen freundlich - und in Florida akut vom Verhungern bedroht: Hunderte tote Manatis wurden in diesem Jahr bereits gefunden. Ein Grund sind offenbar Abwässer im Meer.

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Ende Februar machte Phil Stasik eine gruselige Entdeckung. Unterwegs mit dem Kajak in einer Lagune an der Ostküste Floridas stieß er auf ein gutes Dutzend verwesender Tierkörper. So etwas habe er noch nie gesehen, berichtete er im Lokalfernsehen. Das sei ein Sterben, wie nie zuvor.

Katrin Brand ARD-Studio Washington

Was da am Ufer einer Insel in Brevard County vor sich hinfaulte, waren tote Manatis, offenbar von Wildhütern dort abgelegt. Manatis sind im Wasser lebende Säugetiere der Familie der Rundschwanzseekühe. "Sie sind Vegetarier und können bis zu 1500 Kilogramm schwer werden", sagt Patrick Rose vom "Save the Manatee Club", der sich der Rettung dieser beliebten Tiere widmet. "Aber was sie so einzigartig macht, ist, dass sie so sanft sind. Sie können einfach nicht aggressiv sein."

700 tote Tiere bis Ende April

Manatis sind die Sympathieträger in Florida. Weil die Tiere gesellig sind und das seichte warme Wasser lieben, sind sie für Touristen leicht zu entdecken - oder besser: waren leicht zu entdecken. Denn zur Zeit sterben die Manatis in nie gesehener Zahl. Ende April waren bereits rund 700 tote Tiere entdeckt worden, fast dreimal so viele wie sonst in einem ganzen Jahr.

Die Tiere verhungern, sagte Umweltschützerin Leesa Souto im Lokalfernsehen, es sei "nicht ein einziges Blatt Seegras zu finden". Das sei die wichtigste Nahrungsquelle der Manatis.

Abwasser und Düngemittel im Meer

Florida ist ein ganz auf Wachstum ausgelegter Bundesstaat. Umweltschutz spielt keine Rolle, seit Jahrzehnten ergießen sich Abwässer aller Art und Düngemittel aus der Landwirtschaft ins Meer, in den Golf von Mexiko auf der einen und in den Atlantik auf der anderen Seite. "Und das hat dazu geführt, dass unser Wasser-Ökosystem von schädlichen Algenblüten überwältigt wurde, die das natürliche Licht verschattet haben", sagt Manati-Schützer Rose. "So gingen Zigtausende Quadratmeter Seegras verloren." Auch die Kraftwerke am Ufer machen den Tieren Stress. Ihr warmes Abwasser verführt sie dazu, den Winter viel zu weit im Norden Floridas zu verbringen, wo sie nichts zu fressen finden.

Zuletzt hatten sich die freundlichen Riesen durchaus wieder gut vermehrt. 2016 gab es fast 9000 Tiere. Schärfere Gesetze und viele, viele Warntafeln hatten erreicht, dass nicht mehr so viele Tiere durch Bootsschrauben sterben. Narben tragen fast alle, die Naturschützer können die einzelnen Tiere mit ihrer Hilfe identifizieren.

Ein Manati wird in einer Betreuungsstation in Florida gefüttert. | AFP

Ein Manati wird in einer Betreuungsstation in Florida gefüttert. Bild: AFP

Behörden schlagen Alarm

Viele freiwillige Helfer und Organisationen wie der "Save the Manatee Club" retten verletzte Tiere, päppeln sie auf und setzen sie wieder frei. Szenen, die stolz per Video dokumentiert werden. Aber um die Manatis vor dem Verhungern zu retten, braucht es mehr: Gesetze, Kläranlagen und vor allem die Erkenntnis, dass Florida seine Umwelt und seine Meere schützen muss.

Inzwischen haben die örtlichen Behörden eine Art Notstand ausgerufen, zwei Abgeordnete werben in Washington um Unterstützung. Aber so schnell wird sich das Ökosystem nicht erholen. Die Umweltschützer bereiten sich darauf vor, die überlebenden Manatis irgendwann füttern zu müssen.

Aber speziell an der Ostküste, in der Indian Lagune, malt Leesa Souto ein düsteres Bild. Womöglich, sagt sie, seien die Manatis hier Ende des Jahres ausgestorben.