Ein mit "MAGA"-Tuch vermummter Trump-Anhänger trägt eine Kappe mit der Aufschrift "Woke". | picture alliance / ASSOCIATED PR

US-Gesellschaft "Woke" - vom Slangwort zum Kampfbegriff

Stand: 07.06.2021 06:26 Uhr

"Woke" hieß erst so viel wie "sensibilisiert für politische Missstände" - aus der Sicht progressiver US-Amerikaner. Nun schnappt sich Trumps Anhängerschaft den Begriff und deutet ihn zum Schmäh-Etikett für übergriffige Liberale um.

Von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

Wenn Donald Trump, unverändert die Galionsfigur des konservativen Kulturkampfes, Abscheu und Empörung über Progressive in einem symbolhaften Begriff bündelt, dann ist das zumeist: "Woke". "Wenn sich China sich dieses 'woke' anschaut und sieht, dass unser größtes Problem das Zensieren von Dr. Seuss-Büchern wie dem 'Grinch' ist, dann halten die uns für komplett bescheuert", sagte er jüngst auf Fox News.

Sebastian Hesse ARD-Studio Washington

Woke, eigentlich die Vergangenheitsform von to wake, aufwachen, existiert mittlerweile sogar als Hauptwort: "woke-ism", "Woke-ismus". Innerhalb der vergangenen zwölf Monate sei Woke-ism zur neuen Religion der Linken und des korrupten, dekadenten Establishments geworden, wettert der Fox- News-Moderator Steve Hilton. Mit den zwölf Monaten ist die Zeit seit dem Tod von George Floyd gemeint: die Proteste in den Städten, die Debatte über systemischen Rassismus, Polizeireform-Vorschläge und auch die Wirtschaftsunternehmen, die sich seither in politische Diskurse einmischen.

"Stay Woke" ist ein populärer Rapsong

"“Wirst Du woke, gehst Du pleite", frotzelt der Sohn des Ex-Präsidenten, Donald Trump jr., über US-Konzerne wie Coca Cola, McDonalds oder Delta Airlines, die scharfe Kritik an den jüngsten Wahlrechtsverschärfungen in einigen republikanisch regierten Bundesstaaten geäußert hatten. Woke-Konzerne, die sich aus seiner Sicht der Propaganda der Black-Lives-Matter-Bewegung andienen, wetterte auch Fox-Moderator Hilton.

Politisch korrekt ist, dass die neue schwarze Bürgerrechtsbewegung den Begriff übernommen hat: Das erste Mal nachgewiesen ist woke in einem Essay für die "New York Times" im Jahre 1962. Zunächst stand der Begriff positiv für "aufgeweckt", "sensibilisiert für politische Missstände". Dann verfestigte er sich im Slang-Vokabular der schwarzen US-Amerikaner für progressiven politischen Aktivismus, unter anderem aufgegriffen von dem Rapper Meek Mill in dem Song "Stay Woke".

Umdeutung zum konservativen Kampfbegriff

Woke wurde Hashtag, Kampfruf und erfuhr durch die Black Lives Matter-Bewegung eine Renaissance. Bis die Konservativen ihn sich schnappten und umdeuteten: zum Synonym für alle Versuche, die Werte, Ideale und Freiheiten, auf denen Amerika aus ihrer Sicht fußt, zu zerstören.

Ein einzelner schwarzer Konservativer, der afro-amerikanische Filmemacher Shelby Steele, geht noch weiter: Woke - das sei liberale Entmündigung durch den Wohlfahrtsstaat, sagt er. "Schwarze sind jetzt die Opfer von Liberalismus und Woke-ismus" - meint Steele, "und nicht mehr von Rassismus".