Kyle Rittenhouse nach seinen Freisprüchen | AP

Freispruch nach Kenosha-Schüssen Selbstverteidigung statt Mord

Stand: 20.11.2021 04:30 Uhr

Kaum ein US-Mordprozess stand zuletzt so im Fokus wie der gegen Kyle Rittenhouse, den Schützen von Kenosha. Am Ende stand ein Freispruch. Präsident Biden zeigte sich enttäuscht - rief aber zur Ruhe auf.

Von Kathrin Brand, ARD-Studio Washington

"Wir, die Jury kommt zum Ergebnis, dass der Angeklagte Kyle H. Rittenhouse nicht schuldig ist." Fünfmal fiel dieser Satz gestern im Gerichtsgebäude von Kenosha.

Katrin Brand ARD-Studio Washington

Der 18-Jährige wurde in allen Punkten freigesprochen, klappte vor Erleichterung zusammen und fiel seinem Sitznachbarn schluchzend um den Hals. Rittenhouse sei auf dem Weg nach Hause, er wolle sein Leben weiterleben und er wünsche sich, das alles wäre nie passiert, sagte Verteidiger Mark Richards anschließend.

Auf drei Männer geschossen, zwei von ihnen getötet

Während der gewalttätigen Anti-Rassismus-Proteste voriges Jahr war Rittenhouse nach Kenosha im Bundessstaat Wisconsin gefahren - im Gefühl, Geschäfte vor Plünderungen zu schützen zu müssen. Im Verlauf der Nacht schoss der damals 17-Jährige mit einem halbautomatischen Gewehr auf drei Männer. Zwei starben, einer wurde schwer verletzt, alle drei waren weiß.

Im Prozess betonte Rittenhouse immer wieder, er habe nur geschossen, weil er bedroht worden sei und andere nach seiner Waffe gegriffen hätten. "Wenn ich Herrn Rosenbaum erlaubt hätte, meine Waffen zu nehmen", sagte er, "hätte er mich damit getötet und hätte womöglich noch mehr Leute getötet." Auf Joseph Rosenbaum hatte Rittenhouse als erstes geschossen, der Demonstrant wurde getötet.

Angehörige von Rittenhouses Opfer verfolgen den Freispruch | AP

Angehörige von Rittenhouses Opfer verfolgten den Freispruch im Gerichtssaal. Bild: AP

Gefahr selbst verursacht?

Die Staatsanwaltschaft wiederum versuchte nachzuweisen, Rittenhouse habe die Gefahr, gegen die er sich verteidigen wollte, durch sein Auftreten erst geschaffen. Ihre Anklage lautete unter anderem auf Mord in zwei Fällen. Doch am Ende des dreiwöchigen Prozesses war auch die Jury offenbar der Meinung, der junge Mann habe sich nur selbst verteidigt.

Der Freispruch war von Experten erwartet worden, trotzdem war bei vielen die Enttäuschung groß. Das Urteil werde bei vielen Amerikanern ein Gefühl der Verärgerung und der Sorge zurücklassen, bei ihm eingeschlossen, sagte Präsident Joe Biden. Er stehe zur Entscheidung der Jury, so Biden, "das Jury-System funktioniert und wir müssen uns daran halten." Biden bat alle, nun ihre Meinung friedlich und im Einklang mit den Gesetzen auszusprechen. Für Gewalt und Zerstörung sei kein Platz in der Demokratie.

Protest in New York gegen den Rittenhouse-Freispruch | REUTERS

Demonstranten protestieren in New York gegen den Freispruch. Präsident Biden rief zur Ruhe auf. Bild: REUTERS

Von Rechtskonservativen bejubelt

Von Anhängern des Rechts auf Waffenbesitz und von rechtskonservativen Politikern wurde der Freispruch begrüßt. Rittenhouse sei nicht schuldig, sagte gestern etwa Madison Cawthorn, ein Abgeordneter der Republikaner auf Instagram: "Ihr habt ein Recht euch selbst zu verteidigen, bewaffnet, gefährlich und moralisch zu sein."

Die Proteste in Kenosha waren ausgebrochen, nachdem ein Polizist den Afroamerikaner Jakob Blake mehrmals in den Rücken geschossen hatte. Blake überlebte, ist aber seither gelähmt. Verurteilt wurde deswegen niemand.

Befürchtet wird, dass es nun wieder zu Ausschreitungen kommen könnte. Der Gouverneur von Wisconsin hat die Nationalgarde aktiviert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. November 2021 um 06:00 Uhr in den Nachrichten.

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Moderation 20.11.2021 • 16:37 Uhr

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