Adam Kinzinger | REUTERS
Porträt

Kapitolsturm Ein Republikaner will Aufarbeitung

Stand: 09.06.2022 13:48 Uhr

Der Kapitolsturm-Untersuchungsausschuss präsentiert heute öffentlich seine Erkenntnisse. Adam Kinzinger ist einer von zwei Republikanern im Gremium. Für seinen Aufklärungswillen bezahlt er in der eigenen Partei einen hohen Preis.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Nach der ersten Sitzung des Untersuchungsausschusses zum Sturm auf das US-Kapitol am 6. Januar ringt Adam Kinzinger um Fassung. Zeugen bei dieser bislang einzigen öffentlichen Anhörung waren die Polizisten, die versuchten den Mob trotz Schlägen und unter Einsatz ihres Lebens aufzuhalten. "Ihr habt gewonnen, ihr habt widerstanden", sagte Kinzinger damals. "Demokratien werden nicht durch ihre schlechten Tage definiert. Sondern dadurch, wie man aus diesen schlechten Tagen hervorgeht."

Julia Kastein ARD-Studio Washington

Der 44-Jährige ist einer von nur zwei Republikanern im Untersuchungsausschuss. Top-Demokratin Nancy Pelosi selbst hatte ihn und Liz Cheney ausgewählt: damit das Komitee wenigstens nominell parteiübergreifend ist. Und weil Kinzinger - anders als die allermeisten seiner Parteikollegen - nicht bereit ist, Trumps Lüge über die gestohlene Wahl länger mitzutragen. Als einer von nur zehn Republikanern hatte er deshalb zuvor für die Amtsenthebung von Trump gestimmt.

"Ich will, dass alle Amerikaner dem Ergebnis dieses Komitees trauen können und mit dafür sorgen, dass die Fakten herauskommen - ohne Verschwörungstheorien", sagte er dazu. "Und ich will den 6. Januar nicht untersuchen, obwohl ich Mitglied der republikanischen Partei bin, sondern weil ich Mitglied der republikanischen Partei bin. Nicht um einen politischen Kampf zu gewinnen, sondern um die Fakten zu lernen. Und unsere Demokratie zu verteidigen."

Kinzinger galt als Nachwuchshoffnung

Bis zum Sturm aufs Kapitol galt der smarte Abgeordnete mit den tiefblauen Augen aus einem Vorort von Chicago zwar nicht gerade als Trump-Fan - aber auch nicht als Widersacher: Kinzinger stimmte für den Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen, für den Mauerbau an der Grenze zu Mexiko, für die Trumpsche Steuerreform.

Und Kinzinger galt als Nachwuchshoffnung für viele Republikaner: wertkonservativ und trotzdem modern. Schon während des Politik-Studiums ließ er sich in den lokalen County Board, quasi den Kreisrat wählen. Danach Kampfpilot bei der Air Force, mit Einsätzen im Irak und in Afghanistan. Und seit 2011 Abgeordneter im Kongress, Schwerpunkt Energie- und Sicherheitspolitik. Sein Motto sei immer gewesen: "Nicht das tun, was sie einem sagen, sondern das Richtige tun."

Mit der eigenen Partei ins Gericht

In den vergangenen Monaten ist Kinzinger deshalb quasi an keinem Mikrofon vorbeigegangen, ohne den Republikanern die Leviten zu lesen. Etwa als die Parteiführung im Februar dieses Jahres den Sturm aufs Kapitol als "legitimen politischen Diskurs" bezeichnete.

"Jeder Republikaner muss sich ganz klar und deutlich festlegen: Glauben sie wirklich, dass der 6. Januar legitimer politischer Diskurs war?Lasst sie nicht ausweichen oder das Thema wechseln. Das ist eine Antwort, die jeder von ihnen geben muss."

Für seine Haltung hat Kinzinger einen hohen Preis bezahlt: Seine Partei hat ihn und seine Kollegin Cheney gerügt - was einem Rauswurf nahekommt. Sein bisheriger Wahlkreis wurde aufgelöst und ein Trump-treuer Gegenkandidat aufgestellt.

Eigene Lobbygruppe "Country First"

Kinzinger hat die Konsequenz gezogen: er tritt im November nicht mehr an. Doch als Ende seiner politischen Karriere will er das nicht missverstanden wissen: "Meine Leidenschaft für dieses Land ist nur noch gewachsen. Mein Willen etwas zu verändern ist größer denn je", sagt er. "Meine Enttäuschung über die politische Führung ist gewaltig. Das Schlachtfeld muss größer werden. Die Wahrheit muss alle Amerikaner im ganzen Land erreichen."

Kinzinger will sich bald ganz auf die von ihm gegründete Lobbygruppe "Country First" konzentrieren. Mit großen Zielen: die US-Demokratie reparieren, die tiefen Gräben überwinden, parteiübergreifende Lösungen finden.

Ob er nicht Lust hätte, bei der nächsten Präsidentschaftswahl anzutreten, wurde er kürzlich von der "Huffington Post" gefragt - wenn auch Donald Trump noch mal kandidieren sollte. "Herzlich gerne", so Kinzingers Antwort. Selbst wenn der Ex-Präsident ihn vernichten sollte: "Sich hinzustellen und den ganzen Müll zu entlarven, das muss gemacht werden, egal bei wem. Es wäre ein Riesenspaß."