Ein Mann hält einen Laptop, im Vordergrund ist ein Binärcode zu sehen.

US-Studie zu Hate Speech "Facebook ist am Schlimmsten"

Stand: 11.08.2021 17:15 Uhr

Die fünf großen sozialen Netzwerke löschen antisemitische Hassposts nur selten. Das ist das Ergebnis einer US-Studie. Besonders schlecht schnitten Facebook und TikTok ab - Konsequenzen drohen ihnen nicht.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Zwei Monate lang haben Imran Ahmed und sein Team vom Zentrum gegen digitale Hassbotschaften (CCDH) in Washington antisemitische Hassbotschaften beobachtet. Zuvor hatten sie 714 Einträge auf Facebook, Twitter, TikTok, Instagram und YouTube ausgemacht und diese den Plattformen mit deren Reporting-Tools gemeldet.

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

Die Hassbotschaften waren nicht etwa interpretationsbedürftig, sondern eindeutig antisemitisch, erzählt Ahmed. Juden und alle Israelis hätten im Holocaust sterben sollen, sei zu lesen gewesen. "Hitler wurde da verherrlicht und Juden als Ungeziefer und Krankheit bezeichnet." 

Facebook gelobte hartes Durchgreifen

Nach zwei Monaten überprüfte das Team, wie viele der gemeldeten Einträge noch immer online waren. Zwei Zahlen erschütterten Ahmed und sein Team: Die Einträge wurden in dieser Zeit gut 7,3 Millionen Mal abgerufen, gelöscht wurde aber nur ein kleiner Teil: Gerade mal 16 Prozent über alle Plattformen hinweg. 

"Wenn man wissen möchte, welches Unternehmen am besten mit diesen Inhalten umgeht, landet man beim Frisurenwettbewerb von fünf glatzköpfigen Männern. Alle haben schlecht abgeschnitten, aber am schlimmsten war Facebook", erzählt Ahmed.

Das Ergebnis der Studie steht in krassem Gegensatz zu dem, was zum Beispiel Facebook im vergangenen Oktober bekanntgegeben hatte. Damals teilte das Unternehmen von Mark Zuckerberg mit, man werde ab sofort keine Inhalte mehr erlauben, die den Holocaust leugneten. 

"Auswirkungen auf die reale Welt"

CCDH-Chef Ahmed meint, die großen Social-Media-Plattformen seien nicht in der Lage oder nicht gewillt, effektiv gegen antisemitische Beiträge vorzugehen. "Ich vermute, es ist Gier und Faulheit, und es ist die Unfähigkeit zu erkennen, dass diese Einträge tatsächlich eine Auswirkungen auf die reale Welt haben."

Nicht nur Juden seien in der Off-Line-Welt Opfer von Attacken; Schwarze oder Muslime seien ebenfalls Angriffen ausgesetzt. Als Beispiele nennt Ahmed den Völkermord an den muslimischen Rohingya in Myanmar, der in sozialen Medien angestachelt wurde oder die Erstürmung des US-Kapitols am 6. Januar durch Trump-Anhänger.

25 Jahre altes Gesetz

Nur dort, wo es strenge Gesetze gegen antisemitische Hassbotschaften wie in Deutschland gebe, würden diese Einträge gelöscht. In den USA passiere das aber genau nicht, da ein Telekommunikationsgesetz aus dem Jahr 1996 die Silicon Valley Konzerne schütze, sagt der CCDH-Forscher. Damals gab es die großen Social-Media-Plattformen noch nicht.

"Das Gesetz spricht die Unternehmen von jeglicher Verantwortung für die Inhalte Dritter frei. Ich glaube, hier werden wir bald Änderungen sehen", sagt Ahmed. Solange müssten die Plattformen keinerlei Konsequenzen fürchten.

Schlechte Noten für TikTok

Die Studie hat aber nicht nur User-Einträge untersucht. Auch die Verbreitung von Hashtags bei Twitter, Instagram und TikTok wurde untersucht. Eindeutig antisemitische Hashtags wurden im zweimonatigen Beobachtungszeitraum bis zu 3,3 Millionen Mal aufgerufen.

Besonders schlechte Noten stellte das Zentrum gegen digitale Hassbotschaften auch der Videoplattform TikTok aus. Das chinesische Unternehmen versäume es, Nutzer zu sperren, die jüdischen Usern Hassbotschaften via Direktnachricht schickten. Nur fünf Prozent dieser Konten sperre TikTok. 

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. August 2021 um 15:35 Uhr.