US-Vizepräsidentin Kamala Harris. | dpa

US-Vizepräsidentin Mit Harris bekommt das Amt wieder Gewicht

Stand: 19.01.2021 13:44 Uhr

US-Vizepräsidenten galten lange als notorisch einflusslos. Mit Harris könnte das Amt aufgewertet werden: Ein Politikwissenschaftler erwartet, dass sie ihre Macht "zeitig und häufig" einsetzt.

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

Kamala Harris ist die erste Frau, die das Amt der Vizepräsidentin antritt, die erste schwarze US-Amerikanerin und die erste Frau mit Wurzeln in Südostasien in dieser Position. Die Erwartungen sind entsprechend groß.

Torsten Teichmann ARD-Studio Washington

"Ich bin mal Optimist und mal Realist", sagt sie selbst. "Ich habe eine klaren Blick. Joe Biden hat mit Sicherheit einen klaren Blick. Wir haben eine große Aufgabe vor uns. Und das wird nicht einfach."

Im Fernsehsender CBS hatte Harris einen Ausblick auf ihre neue Rolle gegeben. Doch historisch ist der Job alles andere als beliebt, sagt der Politikwissenschaftler Mark Rom: "Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat, aber ein berühmtes Zitat lautet, das Amt des Vizepräsidenten sei keinen Eimer warme Spucke wert."

Manch einer unterschätzte das Amt des Vize

Das Zitat stammt von John Nance Garner. Er war Vizepräsident von Franklin D. Rossevelt - und nicht der erste, der sich über das Amt lustig machte. Schon Benjamin Franklin hatte vorgeschlagen, den Vizepräsidenten als "Eure Überflüssige Exzellenz" anzusprechen. Daniel Webster lehnte eine Nominierung 1840 ab und sagte, er habe nicht vor, sich beerdigen zu lassen, bevor er nicht tatsächlich gestorben sei.

Eine Fehleinschätzung: Denn als Präsident William Henry Harrison nach nur einem Monat im Amt 1841 verstarb, rückte der Vizepräsident nach und übernahm die Amtsgeschäfte. Und es war nicht Daniel Webster - der diesen Fehler noch ein zweites Mal machen sollte, als er die Nominierung als "Running Mate" von Präsident Zachary Taylor ebenfalls ausschlug: Auch Taylor verstarb im Amt.

In der jüngeren Geschichte der Vereinigten Staaten spielten Vizepräsidenten mitunter eine größere Rolle, erklärt Rom. Das Amt schien deutlich weniger nur repräsentative Aufgaben zu umfassen. "Vizepräsident Dick Cheney war sehr einflussreich unter Präsident George W. Bush. Viele dachten, er habe eigentlich die Macht." Biden selbst nahm als Vizepräsident Barack Obama das Versprechen ab, stets als letzter den Raum verlassen zu dürfen, um den Präsidenten noch einmal zu beraten.

Obama verleiht Biden die Freiheitsmedaille. | dpa

Zwischen US-Präsident Obama und seinem Vize Biden herrschte stets Einvernehmen - kurz vor Ende seiner Amtszeit verlieh Obama ihm die Freiheitsmedaille, den höchsten Orden der USA. Bild: dpa

Harris' Rolle hat aus zwei Gründen mehr Gewicht

Im Fall von Vizepräsidentin Harris bekommt das Amt aus zwei Gründen mehr Gewicht: Biden hat immer gesagt, seine Kandidatin müsse vom ersten Tag an die Amtsgeschäfte übernehmen können, falls ihm mit 78 Jahren etwas zustößt. Außerdem entscheidet Harris bei Abstimmungen im Senat, die mit einem Patt enden - und seit der Wahl haben Demokraten und Republikaner je 50 Sitze in der Kongresskammer. "Das ist dieses Jahr ein großes Ding. Und ich erwarte, dass Kamala Harris ihre Macht zeitig und häufig einsetzt", sagt Politikwissenschaftler Rom dazu.

Mit Zynismus und Arroganz hatten einige der 48 männlichen Vizepräsidenten in der Geschichte der USA auf das Amt geblickt. Harris sagte im Interview mit CBS dagegen, sie lasse sich ihre Begeisterung von niemanden nehmen:

"Mir wurde beigebracht, dass ein Nein nicht das Ende ist. Niemand hat mir gesagt: 'Deine Möglichkeiten sind endlos und was immer Du tun möchtest, kannst du auch.' Nein, mir wurde beigebracht, das viele Leute sagen werden, es ist unmöglich. Aber: Hör nicht auf sie."

Der Titel ihres Ehemanns Doug Emhoff ist nach der Amtseinführung übrigens "Second Gentleman". Auch das ist eine Premiere in fast 245 Jahren US-Geschichte.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Januar 2021 um 12:40 Uhr.