Ein Schlauchboot ist am Ufer des Rio Grande in Roma (Texas) zu sehen.  | REUTERS

Einwanderung in die USA Die über die Grenze kommen

Stand: 07.05.2021 09:00 Uhr

Etwa 6000 illegale Einwanderer pro Tag haben im April die Grenze zwischen Mexiko und den USA überwunden. Hinter jedem Fall aus der Statistik steht ein Mensch: Wie Luis aus Honduras, der mit seiner sechsjährigen Tochter gekommen ist.

Von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

Vom Rio Grande, dem Grenzfluss zwischen Mexiko und den USA, läuft man nur wenige Fußminuten bis zum "Holding Institute Community Center". In der Flüchtlingsunterkunft im Herzen von Laredo hat Luis ein Dach über dem Kopf gefunden. Mit seiner sechs Jahre alten Tochter gelang es ihm, ohne Papiere die USA zu erreichen.

"Wir kommen aus Honduras, aus Copán. Das liegt an der Grenze zu Guatemala. Die Situation dort ist gerade ziemlich schlimm, nach zwei Hurrikans. Die Wirbelstürme haben mein Haus zerstört. Komplett zerstört. Nichts mehr ist übrig. Die Hurrikans haben das ganze Land verwüstet. Ich habe vier Kinder: Die kriege ich gerade noch satt, aber für die Schule, für Kleider habe ich kein Geld. Darum sind wir gekommen.
Sebastian Hesse ARD-Studio Washington

Mythos der offenen Grenze

Das ist häufig zu hören von Grenzgängern aus Zentralamerika: Dass Naturkatastrophen wie Tropenstürme zunehmen und regelmäßig ganze Landstriche verwüsten. Und seit der US-Präsidentenwahl im November letzten Jahres brodelt die Gerüchteküche.

Auch Luis kam in dem festen Glauben, die Grenze sei jetzt wieder leichter zu überwinden. "Als Joe Biden uns Hoffnung gemacht hat, haben wir uns auf den Weg gemacht. Wir hatten gehört, dass mit Biden jetzt die Grenze offen wäre, dass ich in die USA kommen könnte und ein besseres Leben haben. Als ich das hörte, war ich so froh, dass es einen neuen Präsidenten gibt. Dank Joe Biden sind wir jetzt hier. Ich hoffe, er wird ein langes Leben haben", sagt Luis.

Den Mythos von der durchlässigeren Grenze durch Biden schüren nach Kräften die Menschenschmuggler, für die illegale Grenzübertritte ein lukratives Geschäft sind. Auch Luis und seine Tochter gelangten mithilfe von "Coyotes", wie die Menschenschmuggler in Mexiko genannt werden, in die USA.

Einwanderer wollen Arbeit

Luis hat zwei Schwestern, die nördlich der Grenze leben - in Virginia und in Houston, Texas. Die streckten ihm die 1000 Dollar vor, die die Menschenschmuggler verlangten.

Jetzt will Luis schnellstmöglich Geld verdienen - dafür ist er gekommen. Er wolle auf dem Bau arbeiten oder putzen gehen. "Meine Kinder brauchen ein Zuhause. Ich will mein Haus wieder aufbauen - so schnell wie möglich. Und bessere Bildung für meine Kinder. Aber das wird schwer, man muss Glück haben ohne gültige Papiere. Und ich kann kein Englisch." Für Kubaner oder Venezolaner sei es einfacher, die kämen leichter rein, meint Luis. "Wenn Du aus Honduras oder Nicaragua bist, dann wirst du eher zurückgeschickt. Ich bin nicht sehr zuversichtlich", räumt Luis ein.

Pfarrer Mike Smith, der das "Holding Institute" leitet, sind Lebensgeschichten wie Luis' wohl vertraut: Die seien fast schon ein Klischee.

Niemand kommt und sagt: Ich will hierbleiben und auf Kosten der USA leben. Nein. Diese Leute wollen arbeiten, sich einfügen. Und das ist ja auch klar: Die wollen ihre daheimgebliebenen Familien unterstützen. Keiner von ihnen will sich von der Regierung durchfüttern lassen.

Doch noch stellen die USA illegalen Grenzgängern keine Arbeitsvisa aus, die ihnen einen zeitlich begrenzten legalen Aufenthalt ermöglichen würden. Luis hatte sich - wie so viele - freiwillig den US-Behörden gestellt, nachdem er amerikanischen Boden unter den Füßen hatte. Seine sechsjährige Tochter hatte er dabei, weil er natürlich wusste, dass die USA Familien mit Minderjährigen nicht sofort wieder abschieben - anders als allein reisende Erwachsene. Dass Luis vorerst bleiben darf, in der Notunterkunft, heißt noch lange nicht, dass er Arbeit bekommen wird oder länger im Lande geduldet wird.

Harris mit migrationspolitischem Konzept beauftragt

Pfarrer Mike Smith hat durchaus Ideen, wie man den gordischen Migrationsknoten durchschlagen könnte: "Mit Klarheit, mit einem unmissverständlichen Plan, der Arbeitsvisa beinhaltet. Das würde einiges regeln. Jetzt gerade behaupten viele: Die Migranten bringen Krankheiten ins Land und wollen nicht arbeiten. Das könnte man schnell entkräften. Wir lassen alle, die zu uns kommen, medizinisch untersuchen, machen Covid-Tests. Und wir vermitteln sie in Job-Trainingsprogramme. Das geht alles, wenn man uns nur machen ließe."

Die Vorarbeit jedoch muss zunächst Vizepräsidentin Kamala Harris leisten: In ihr migrationspolitisches Gesamtkonzept sollen ausdrücklich Anregungen von Kennern der Grenzsituation eingehen - wie dem Geistlichen aus Laredo.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 07. Mai 2021 um 05:36 Uhr.