Francis Collins, der Direktor des National Institute of Health, hält bei einer Anhörung in Washington ein Modell des Coronavirus in der Hand. | AFP

Neuinfektionen in den USA "Wir hätten nie so weit kommen dürfen"

Stand: 08.08.2021 22:31 Uhr

Die Fallzahlen gehen hoch und die Impfbereitschaft sinkt. In den USA lehnen es weiterhin Millionen Bürger ab, sich impfen zu lassen - vor allem in den konservativen Landesteilen. Experten schlagen Alarm.

Knapp 60 Prozent der gesamten Bevölkerung in den USA sind einmal geimpft und etwa die Hälfte hat den vollständigen Impfschutz. Zu wenig, sagen Experten und schlagen Alarm. Fast schon verzeifelt versuchen US-Regierungsvertreter derzeit, die Unwilligen davon zu überzeugen, sich impfen zu lassen. Nach einem schnellen Start waren die täglichen Impfzahlen in den USA von mehr als drei Millionen Mitte April auf rund 600.000 Mitte Juli zurückgegangen.

Gleichzeitig nimmt die Zahl der Neuinfektionen seit dem vergangenen Monat wieder stark zu. 118.000 neue Fälle sind zuletzt innerhalb von 24 Stunden registriert worden, so viele wie seit Februar nicht mehr.

Mehr Kinder und Jüngere unter den Erkrankten

"Wir hätten niemals so weit kommen dürfen", sagte der Leiter der Forschungsbehörde National Institute of Health (NIH), Francis Collins, im Sender ABC. Die hochansteckende Delta-Variante des Virus breitet sich derzeit auch in den USA rasend schnell aus. Sie sorgte dafür, dass die Zahl der coronabedingten Todesfälle in den vergangenen Wochen um 89 Prozent gestiegen ist und zunehmend Kinder und junge Menschen schwer erkranken. Dennoch lehnen es weiterhin Millionen US-Bürger vor allem in konservativen Landesteilen ab, sich impfen zu lassen.

"Wären wir damit erfolgreicher gewesen, alle zum Impfen zu bewegen, wären wir nicht in dieser Situation", sagte Collins. "Jetzt zahlen wir einen schrecklichen Preis". Er warnte vor einer weiteren Ausbreitung des Virus, wenn die Millionen von Kindern, die derzeit noch ungeimpft sind und bald aus den Sommerferien zurückkehren, nicht dazu verpflichtet werden, in der Schule Masken zu tragen. 

Auch die Gesundheitsbehörde CDC empfahl, dass alle Kinder ab zwei Jahren in öffentlichen Innenräumen Masken tragen sollten - und damit ausdrücklich auch in Schulen. Bildungsminister Miguel Cardona schloss sich im Sender CBS diesem Rat an. Der republikanische Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, hatte zuvor allen Schulbezirken untersagt, eine Maskenpflicht anzuordnen - obwohl sein Bundesstaat von der jüngsten Coronawelle besonders schwer betroffen ist.

Fauci warnt vor weiteren Virus-Varianten

Der medizinische Berater der US-Regierung, Anthony Fauci, ist ebenfalls besorgt wegen der steigenden Fallzahlen. Er warnte vor der Entwicklung einer neuen, noch gefährlicheren Variante des Coronavirus, sollte die Ausbreitung der hochansteckenden Delta-Variante nicht eingedämmt werden. Fauci sagte dem Sender NBC, wenn sich das Virus weiter ausbreiten und verändern könne, bestehe die Gefahr, dass sich am Ende eine Variante entwickele, vor denen die aktuellen Impfstoffe - anders als bei Delta - keinen Schutz böten.

Die Pandemie müsse unter Kontrolle gebracht werde, mahnte der prominente Immunologe. Der beste Weg dazu seien Impfungen. Hilfreich wären Impfpflichten auf lokaler Ebene. Auch der Direktor der US-Forschungsagentur National Institutes of Health, Francis Collins, mahnte, Impfpflichten könnten etwas bewegen. Er sagte dem Sender ABC, das Land bezahle nun den "schrecklichen Preis" dafür, dass so viele Menschen ungeimpft seien. Überlegungen, Impfungen in größerem Stil verpflichtend vorzuschreiben, sind in den USA Gegenstand heftiger politischer Auseinandersetzungen.

Skepsis vor allem unter Trump-Anhängern

Die Ungeimpften sind offenbar überproportional Anhänger der Republikanischen Partei und weiße Evangelikale - Menschen aus Bevölkerungsschichten, die mehrheitlich Ex-Präsident Donald Trump gewählt haben. Die ländliche Bevölkerung hat niedrigere Impfraten als die städtische. Nach Angaben der Gesundheits-Forschungsstiftung Kaiser Family Foundation waren in Landkreisen mit einer Mehrheit für Präsident Joe Biden Anfang Juli 46,7 Prozent vollständig geimpft, in Landkreisen mit Trump-Wählern nur 35 Prozent. 22 Prozent der weißen Evangelikalen sagten bei einer Kaiser-Umfrage im Juni, sie wollten sich nicht impfen lassen. Fünf Prozent wollen es nur, sollte es Vorschrift werden.

Als Hauptgründe, warum sie gegen eine Imfpung sind, nannten Befragte im US-Bundesstaat Arkansas bei einer örtlichen Erhebung, dass sie sich Sorgen um die Sicherheit des Impfstoffes machen - wegen dessen schneller Entwicklung, den Einfluss der Regierung auf das Projekt und die angebliche Verwendung menschlicher Stammzellen bei der Forschung. Nach Angaben von Fauci könnten die wichtigsten Impfstoffe aber schon bald endgültig zugelassen werden. "Ich hoffe, dass dies noch im August der Fall sein wird", sagte er.

In manchen Kommentaren wurde an Biden appelliert, seinen Vorgänger um Hilfe zu bitten. Trump hat mehrmals betont, wie stolz er sei, dass die Impfstoffe zu seiner Amtszeit entwickelt worden sind. Auf Trump würden vielleicht die Republikaner, die ihn überwältigend gewählt haben, und die weißen Evangelikalen hören. Mehr als drei Viertel der weißen evangelikalen Wähler stimmten für Trump. Der bereits geimpfte Ex-Präsident fasste seine Sicht so zusammen: „Leute weigern sich, weil sie der Regierung misstrauen und auch das Wahlergebnis nicht glauben.“

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Juli 2021 um 19:11 Uhr.