Screenshots der "Citizen"-App. | via REUTERS

"Citizen"-App Die digitale Nachbarschaftswache

Stand: 17.08.2021 10:17 Uhr

Die umstrittene App "Citizen" soll Menschen in den USA über Gefahren in der Umgebung warnen. Autounfälle, Hausbrände, Ladendiebstähle können von Nutzern gemeldet und auch kommentiert werden. Datenschützer schlagen Alarm.

Von Katharina Wilhelm, ARD-Studio Los Angeles

"Citizen" funktioniert wie jede Social Media App: Profil erstellen, Nutzernamen aussuchen, Standort freischalten, damit die App weiß, wo sich der Nutzer befindet. Auf dem Startbildschirm ist eine Karte. Kleine Symbole zeigen an, was im Umfeld passiert - zum Beispiel Autounfälle und eine Warnung, dass in der Nähe ein Mann mit einem Messer gesichtet wurde. Einige Nutzer laden auch Videos hoch: Eine Frau hat offenbar eine Schießerei in einem McDonald's-Restaurant beobachtet. Sie teilt ihre Eindrücke mit einem Video, kommentiert, was sie sieht.

Katharina Wilhelm ARD-Studio Los Angeles

Die App bekommt zum einen Warnhinweise von Nutzern, zum anderen auch von der Polizei direkt - mit Hilfe von künstlicher Intelligenz wird der Polizeifunk abgehört und teilweise hochgeladen. Den Polizeifunk abzuhören ist in den USA nicht unbedingt strafbar.

Polizei versorgt die App mit Daten

Eine Konkurrenz in der App sehe die Polizei nicht, meint Matthew Guariglia von der Datenschutzorganisation Electronic Frontier Foundation. "Die Polizei und Notruf-Callcenter versorgen diese App mit Daten, um Nachbarschaften zu alarmieren", sagt er. "Es scheint eine Zusammenarbeit mit dieser Art von Apps zu geben."

Ab und an gehen "Citizen"-Mitarbeiter auch mal live auf der Plattform, wie bei einem Brand in der Nähe des Flughafens in Los Angeles. Der Moderator beschreibt, was auf den zugesandten Videos zu sehen ist und liest Nutzerkommentare vor. Die Nutzer können die Vorfälle mit Emojis bewerten, ein betendes-Hände Emoji drückt Mitgefühl aus, man kann sich aber auch ärgern oder Herzchen verschicken.

Und dann gibt es Vorfälle, die sehr problematisch sein können: Ein Nutzer hat sich auf eine Autobahnbrücke gestellt, er filmt einen Autounfall mit mindestens einem Toten. Man sieht Wrackteile und Rettungskräfte. 

Obdachloser wurde fälschlicherweise beschuldigt

Das Problem der App sei, dass die Persönlichkeitsrechte der Menschen, die gefilmt werden, nicht geschützt würden, sagt Datenschützer Guariglia. Richtig fies wurde es vergangenen Mai in Los Angeles erzählt er: "'Citizen' dachte, ein Obdachloser hätte ein Feuer in der Stadt gelegt. Die Macher hatten eine Belohnung von 30.000 Dollar ausgesprochen für Leute, die helfen, diesen Mann festzunehmen. Auf einmal wurde diese App zu einer Kopfgeldjäger-Plattform."

Der Verdächtige erwies sich als der Falsche. Die "Citizen"-App-Macher entschuldigten sich. Aber genau diese Vorfälle sind es, die Guariglia Bauchschmerzen bereiten: "Es geht meistens darum, verdächtige Personen zu finden. Das gibt den Leuten ein einfaches Werkzeug an die Hand für Racial Profiling, rassistische Kontrollen, um Leute aus der Nachbarschaft auszugrenzen."

"Citizen" probierte in den USA neue Feature aus: In Los Angeles sollte ein schwarzer "Citizen"- SUV, der einer Spezialeinheit der Polizei ähnlich sieht, unterwegs sein, und bei Vorfällen gerufen werden können. Wegen anhaltender Kritik wurde das Projekt vorerst eingedampft. Gegen eine Gebühr von 20 Dollar kann man aber einen "Citizen"-Agenten anrufen. In einem Werbevideo heißt es, die Agenten hören sich die Sorgen der Nutzer an und werden aktiv, rufen zum Beispiel die Polizei oder einen Krankenwagen.

App kann vor juristischen Konsequenzen schützen

Datenschützer Guariglia glaubt, dass genau dieser Service noch mehr Probleme und falsche Anschuldigungen mit sich bringen wird. "Manche Leute fühlen sich schuldig, wenn sie die Notfallnummer nicht für Notfälle wählen, wenn zum Beispiel ein Obdachloser an der Straßenecke steht und sie diesen von der Polizei entfernen lassen wollen", sagt er. "Denn sie wissen, dass solche Vorfälle manchmal gewaltsam enden, sogar tödlich. Jemand anrufen, der für dich die Polizei anruft, kann dich ein bisschen von dieser Schuld befreien."

Oder sogar von juristischen Konsequenzen: Der Fall einer Frau aus New York, die im Central Park einen Schwarzen Mann als Bedrohung gesehen hatte und die Polizei rief, ging im vergangenen Jahr durch die Zeitungen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Rassismus-Verdachts. Zwar wurde die Anklage fallen gelassen - es zeigt sich aber: Die App wird es einfacher machen, auch unschuldige Menschen zu verdächtigen. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 09. November 2019 um 13:05 Uhr.