Joe Biden | AP

Stimmung in den USA Nur wenig Rückhalt für Biden

Stand: 01.04.2022 14:40 Uhr

In Krisen rücken die US-Amerikaner hinter ihrem Präsidenten zusammen - aber bislang nicht hinter Biden: Seine Umfragewerte sind anhaltend schlecht. Das liegt an innenpolitischen Problemen.

Von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

"Weak and wobbly" - so betitelte die "Fox News"-Starmoderatorin Laura Ingraham Anfang der Woche ihre Abendsendung zu Bidens Europareise in Sachen Ukraine-Konflikt: schwach und wacklig. Schon ihre Auftaktmoderation war Biden-Bashing vom Feinsten: "Mit Biden in Europa hat die Welt einen ineffektiven, zögerlichen und heuchlerischen US-Präsidenten erleben können!", polterte sie.

Sebastian Hesse ARD-Studio Washington

Nun kennt man diesen Sound von "Fox News". Und wer freundlichere Töne zum Ukraine-Krisenmanagement hören möchte, der sollte den Kanal wechseln: "NBC News" etwa ist verlässlich Demokraten-freundlich. Doch parallel zu Ingraham überraschte dort Moderator Chuck Todd mit Umfrageergebnissen, die im Weißen Haus unter die Haut gingen. "71 Prozent aller Amerikaner haben kein großes Vertrauen in Bidens Fähigkeit, auf Putins Krieg zu reagieren", so das Stimmungsbild aus der "NBC"-Erhebung. Woher rührt dieses Misstrauen?

Das Afghanistan-Chaos und seine Folgen

Zunächst versucht die Opposition unermüdlich, die Verunsicherung durch Putins Aggression zu nutzen, um Stimmung zu machen: "Unter Trump hätte Putin sich das nicht getraut", so das republikanische Mantra dieser Tage. Biden treffe eine Mitschuld an der ukrainischen Tragödie, behauptet etwa der prominente Senator Ted Cruz aus Texas. "Dieser Krieg ist das direkte Resultat wiederholter Fehler von Präsident Biden und seiner Regierung", so Cruz bei einer Senatsanhörung.

Als Beispiele nannte er Bidens langes Zögern beim Sanktionieren von Nord Stream II und den Truppenabzug aus Afghanistan. Die Bilder vom Chaos in Kabul haben sich fest eingebrannt ins kollektive Gedächtnis der Amerikaner. Und dass die Afghanistan-Misere von Putin als Beleg für Schwäche und Überforderung des Westens gewertet wurde, davon sind in den USA auch parteiunabhängige Analysten überzeugt.

Ein Satz lässt die Stimmung kippen

Aus seinem eigenen politischen Lager erfährt Biden auch nicht den Rückhalt, den er gerne hätte. Bis zum vergangenen Wochenende sprach die Partei noch weitgehend mit einer Stimme; etwa als der Kongressabgeordnete Mike Quigley das Schmieden der internationalen Allianz gegen Putin rühmte: "Die Biden-Regierung hat die NATO und den Westen auf meisterhafte Weise geeint und Militärhilfe organisiert", lautete sein Lobpreis.

Die innerparteiliche Tonlage änderte sich dann jedoch mit den berüchtigten neun Worten, die Biden in Warschau in seine Rede hinein improvisierte: "For God’s sake - this man cannot remain in power!" Dieser scheinbare Aufruf zum Sturz Putins befremdete viele Parteifreunde des Präsidenten, auch den Senator Jack Reed aus Rhode Island. "Ich denke, eine etwas differenziertere Herangehensweise hätte der Sache besser getan", tadelte der Demokrat.

Im Kreuzfeuer oder am Puls der Zeit?

Und so darf es wenig überraschen, dass das kriegsmüde Amerika seine üblichen Reflexe abgelegt hat: Erfahrungsgemäß vereint sich die Nation zu Kriegszeiten hinter ihrem Präsidenten. George W. Bush genoss nach dem 11. September und zu Beginn der Afghanistan-Offensive eine Zustimmungsrate von mehr 90 Prozent. Das an sich Biden-freundliche "NBC News" konnte nur 40 Prozent finden, die dem amtierenden Präsidenten ein gutes Zeugnis ausstellen. "Das ist die niedrigste Zustimmungsrate seit Bidens Amtsantritt!", staunte Moderator Todd.

Bemerkenswert ist dabei, dass die Befragten bei Einzelaspekten durchaus auf Biden-Kurs sind. Das ergab auch eine Erhebung des Radiosenders "NPR": Aktuell lehnen die Amerikaner die Entsendung von US-Truppen ab. Sie befürworten Waffenlieferungen und sehen ein Überflugverbot für die Ukraine skeptisch - allesamt Biden-Positionen. "Das zeigt doch, dass die Amerikaner eigentlich hinter ihrem Präsidenten stehen", ist Jonathan Capehart von der "Washington Post" überzeugt. "Beim Ukraine Krieg ist Biden am Puls der Zeit!".

Die Inflation bleibt das drängendste Problem

Dass das seine enttäuschende Zustimmungsrate nicht anhebt, liegt wohl daran, dass den Amerikanern derzeit andere Themen stärker auf den Nägeln brennen. Das unterstreicht auch die "NBC News"-Umfrage. "Mehr als zwei Drittel würden sich wünschen, dass Biden die heimische Wirtschaft zur obersten Priorität erklärt. Und nicht so sehr die Ukraine-Krise", erklärt Todd.

Die Inflationsrate beträgt aktuell 6,4 Prozent. Der Preis pro Gallone Benzin liegt in diesen Tagen um knapp 50 Prozent über dem, was man noch vor einem Jahr bezahlen musste.

Wie sehr Teuerungsrate und Benzinpreis-Explosion derzeit aufs Gemüt schlagen, das spiegelt auch die allabendliche Polemik des populären "Fox News"-Anchors Sean Hannity. "Hätte man sich ausmalen können, dass die Biden-Präsidentschaft noch schlimmer werden würde?", fragte der konservative Nighttalker mit diebischer Freude. Und dann, an die Adresse des ungeliebten Präsidenten: "Die Inflation ist so hoch wie seit 48 Jahren nicht mehr, Joe!" Alles zu Lasten der Armen und der Mittelschicht, ergänzt Hannity - klassische Demokraten-Klientel.

Der "New York Times"-Kolumnist David Brooks bleibt gelassener. Zu Gast bei "PBS" meint er achselzuckend: "Wenn Sie die Amerikaner fragen, was Sie davon halten würden, wenn Ihnen Joe Biden wunderschöne Sonnenuntergänge beschert, dann wären immer noch 85 Prozent dagegen!" In einer Ära der Parteilichkeit seien Umfragen eben vor allem eines: Ausdruck von Parteilichkeit.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 01. April 2022 um 17:29 Uhr.