Der designierte US-Präsident Joe Biden bei einem Wahlkampagnen-Auftritt für den Senator von Georgia (Bild vom 15.12.2020). | REUTERS
Analyse

USA unter Biden Wiedervereinigte Staaten von Amerika?

Stand: 25.12.2020 00:06 Uhr

Als neuer US-Präsident will Joe Biden das gespaltene Land wieder einen. Ob ihm das gelingt, hängt auch davon ab, wie sich die Republikaner von nun an verhalten.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Joe Biden, der designierte 46. US-Präsident, gibt bei öffentlichen Auftritten immer wieder ein großes Versprechen:

Ich gelobe ein Präsident zu sein, der nicht spalten will, sondern einen. Der keine roten oder blauen Staaten sieht, sondern nur die Vereinigten Staaten.
Julia Kastein ARD-Studio Washington

Dieses Versprechen einzulösen, dürfte schwierig werden. Mehr als 75 Millionen US-Bürger haben ihre Stimme für Donald Trump abgegeben - Rekord für einen amtierenden Präsidenten. Und rund drei Viertel dieser Menschen glauben an Wahlbetrug. Sie bezweifeln die Legitimität von Bidens Präsidentschaft, bevor sie begonnen hat.

"Wir hören einander nicht zu"

Egal, ob es um die Bekämpfung der Pandemie und das Thema Masken geht, um Rassismus, Polizeigewalt oder um kulturelle Werte und die Frage, was es bedeutet, ein US-Amerikaner zu sein: Die Gräben sind tief - vielleicht zu tief, meint Kris Marsh. Die Afro-Amerikanerin ist Soziologin an der University of Maryland. "Der Schaden könnte schon zu groß sein, als dass uns die neue Regierung noch zusammenbringen kann. Wir reden miteinander, aber wir hören einander nicht zu", sagt sie.

Viele Republikaner glauben Biden und seinem Team auch gar nicht, dass er es ernst meint mit seinem Versprechen, das Land zu einen. Ein Verdacht, der von Trump-treuen Medien täglich geschürt wird - beispielsweise von der konservativen Kommentatorin Tammy Bruce im Sender Fox News: "Sie haben uns Trump-Anhänger jahrelang als Nazis beschimpft, als Rassisten, als den Bodensatz der Gesellschaft, als Trottel. Sie haben eindeutig keinen Respekt vor uns."

Als Beleg führt sie an, dass Biden seinen beiden Schäferhunden eine Trump-Puppe zum Zerfetzen gegeben habe. Fotos davon kursieren seit Monaten in den sozialen Netzwerken. "Diese Politiker - diese Ganoven - sagen eine Sache und meinen etwas anderes. Aber das kennen wir ja", sagt Bruce.

"Wir können was schaffen"

Im Wahlkampf hatte Biden immer wieder betont, dass er dank seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Senator und Vizepräsident wie kein anderer Kandidat in der Lage sei, auch mit dem politischen Gegner zusammenzuarbeiten. Aber noch immer weigern sich Dutzende Republikaner im Kongress, ihn als gewählten Präsidenten zu akzeptieren.

Auch der Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, gratulierte erst, nachdem die Wahlleuteversammlung Biden als Wahlsieger bestätigt hatte. Ein entscheidender Schritt, für den sich Biden sogar in einem Telefonat bei McConnell bedankte.

Im Interview beim Late-Night-Talker Stephen Colbert gab sich der Demokrat anschließend optimistisch: "Ich glaube, ich kann mit der republikanischen Führung zusammenarbeiten; im Haus und im Senat. Wir können was schaffen", sagte er. "Und ich glaube, sobald dieser Präsident nicht mehr im Amt ist, wird auch sein Einfluss schwinden - und die Republikaner werden wieder stärker bereit sein, zu kooperieren."

Mitch McConnell, der Mehrheitsführer der Republikaner im US-Senat. | AFP

Mitch McConnell, der Mehrheitsführer der Republikaner im US-Senat, trägt regelmäßig Maske. Andere Anhänger seiner Partei weigern sich. Bild: AFP

100 Tage Maske tragen

Wie sehr Biden auf die Mitarbeit des Republikaners angewiesen sein wird, entscheidet sich am 6. Januar: bei der Stichwahl für gleich zwei Senatsposten. Wenn die Demokraten dort nicht beide Sitze gewinnen, bleibt es bei der Mehrheit der Republikaner im Senat - und McConnell könnte beispielsweise verhindern, dass Bidens Nominierungen fürs Kabinett abgesegnet werden.

Eine erste Bewährungsprobe hat sich Biden schon selbst vorgenommen: Am Tag seiner Amtseinführung will er die US-Amerikaner bitten, für 100 Tage Maske zu tragen - um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Es ist auch ein Gradmesser dafür, ob sie bereit sind, wenigstens in diesem Fall die Spaltung im Land zu überwinden.

Über dieses Thema berichtete mdr Aktuell am 26. Dezember 2020 um 21:11Uhr.