Ein Polizeibeamter steht vor der Robb Elementary School in Uvalde (Texas, USA). | AFP
Interview

Amokläufe in den USA "In der Regel gibt es vorher Anzeichen"

Stand: 25.05.2022 12:38 Uhr

Beim jüngsten Amoklauf an einer US-Schule starben 19 Kinder und zwei Erwachsene. Die Kriminologin Britta Bannenberg erläutert die Motive hinter solchen Taten und wie sie sich vielleicht im Vorfeld verhindern lassen könnten.

tagesschau24: Amokläufe gibt es leider immer wieder in den USA. Allein im vergangenen Jahr wurden mehr als 60 mit Schusswaffen verübt. Wieso gibt es diese Taten dort in einer gewissen Regelmäßigkeit?

Britta Bannenberg: Diese sehr seltenen Taten reagieren letztlich auf Medieneffekte. Das heißt, die Tatgeneigten, die so etwas vorhaben, wählen im Grunde den Zeitpunkt danach aus, ob eine vorherige Tat durch die Medien gegangen ist. Und es ist natürlich ein Riesenproblem der Waffenverfügbarkeit in den USA, vor allem dieser schweren Sturmgewehre.

tagesschau24: Sie haben im Vorgespräch erwähnt, dass Amokläufe auch teils in Serie auftreten. Wie groß ist also die Gefahr des sogenannten Werther-Effekts - der Nachahmung nach einem Amoklauf?

Bannenberg: Werther-Effekt trifft es nicht so ganz. Diese Täter zielen auf eine große Medienaufmerksamkeit. Es ist ein Teil ihrer Motivation. Sie sind voller Hass, voller Abneigung gegenüber der Gesellschaft. Und wenn man eine Schule betritt und Kinder tötet, dann ist natürlich die mediale und die gesellschaftliche Aufmerksamkeit enorm hoch.

Solche Täter - ob sie nun jung sind oder erwachsen - beschäftigen sich in ihren Gedanken schon sehr lange mit einer solchen Tat. Und sie wollen im Grunde ganz irrational unsterblich werden, auch wenn sie bei oder nach der Tat sterben.

Das ist in Deutschland sehr gut erforscht: Wir wissen sehr genau, dass eine psychische Störung eine Grundlage für solche Täter ist. Aber in Deutschland haben wir auch eine andere Situation. Wir haben nicht diese Waffenverfügbarkeit - und ich glaube, wir haben einfach etwas mehr gelernt. Wir sind besser - auch wenn wir vielleicht nicht perfekt sind - in der frühen Bewertung von Hinweisen auf solche Taten. In der Prävention tut sich in Deutschland mehr.

Britta Bannenberg
Zur Person

Britta Bannenberg ist seit 2008 als Professorin an der Justus-Liebig-Universität in Gießen tätig. Die Forschungsschwerpunkte ihrer Arbeit sind unter anderem Amok, Terror und Tötungsdelikte, Kriminalprävention und Opferforschung.

Die studierte Rechtswissenschaftlerin promovierte in Göttingen und arbeitete zuvor bereits als Professorin für Kriminologie, Strafrecht und Strafverfahrensrecht an der Universität Bielefeld.

tagesschau24: Was weiß man denn noch über die Psyche von Amokläufern? Was passiert in den Köpfen dieser Menschen, um solch grausame Taten zu vollbringen?

Bannenberg: Das sind sehr seltene Täter. Es sind Einzelgänger. Sie sind psychisch gestört, meist im Sinne einer Persönlichkeitsstörung. Bei Erwachsenen kommt teils auch paranoide Schizophrenie hinzu - also Wahnerkrankungen.

Bei jungen Tätern ist das in der Regel nicht der Fall. Das sind junge Einzelgänger, die narzisstisch veranlagt, nicht empathisch sind. Sie besitzen kein Mitgefühl und letztlich auch kein Mitempfinden mit ihren Opfern oder mit anderen Menschen. Sie sehen sich selbst als Opfer der Gesellschaft und entwickeln darüber Tötungsfantasien und großen Hass. Dann planen sie ihre Tat, und aus ihrer Sicht ist das etwas Großartiges. Aus ihrer Sicht ist es eine Rache an der Gesellschaft. Das ist aber letztlich natürlich völlig irrational.

tagesschau24: Gibt es denn vorab Alarmzeichen? Oder kommt die Entscheidung für solch eine Tat aus dem Nichts?

Bannenberg: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Diese Taten kommen zwar für die Opfer immer überraschend, aber in der Regel gibt es monatelang vorher Anzeichen. Erstens ist die Persönlichkeit solcher Einzelgänger sonderbar. Sie sind sehr negativ - in ihrer gesamten Lebensweise: Sie haben keine Freunde, keine Freundinnen. Sie äußern sich auch häufig sehr positiv über solche Taten.

Man kann im Vorhinein Äußerungen wahrnehmen, dass jemand solche Taten gut findet und dass er diffuse Andeutungen macht, er könne so etwas auch ausführen. Dann lässt sich eine Gefährdungsbeurteilung vornehmen. Das ist die einzige Chance, die wir haben, um solche Taten zu verhindern.

tagesschau24: Sie haben bereits die leichte Verfügbarkeit der Waffen in den USA angesprochen. Könnten strengere Waffengesetze Taten wie dieser vorbeugen?

Bannenberg: Das ist ein zusätzlicher Umstand: Gerade in den USA besteht das Problem, dass Sturmgewehre - das sind in der Regel AR-15-Gewehre - für die Bevölkerung einfach verfügbar sind. Opfer, die mit solcher Munition getroffen werden, haben im Grunde keine Überlebenschance. Die Munition reißt derart fürchterliche Wunden, deshalb ist auch die Opferzahl so hoch.

Man muss also beides sehen. Nicht die Waffe macht den Täter, das ist klar. Aber tatbereite Personen, die so etwas vorhaben und dann noch an leicht verfügbare Schusswaffen herankommen - das ist ganz fürchterlich.

Und deshalb sollten wir auch in Deutschland immer restriktiv bleiben oder noch restriktiver werden. Natürlich kann man auch mit einer Neun-Millimeter-Waffe großes Unheil anrichten. Aber je durchschlagkräftiger solche Waffen sind und je leichter sie für mögliche Täter verfügbar sind, desto schlimmer sind die Folgen.

tagesschau24: Wie kann man denn aus Ihrer Sicht Amokläufe in Zukunft sowohl in Deutschland als auch in den USA verhindern?

Bannenberg: Wir müssen, um solche Taten verhindern zu können, als Gesellschaft wachsam bleiben. Das heißt, die Signale erkennen, die solche Täter im Vorhinein aussenden: Dass sie solche Taten gut finden, dass sie sich darüber positiv äußern oder dass sie andeuten, sie werden so etwas selber tun und ausführen. Ob es nun junge Täter sind, die dann häufig im Bereich Schule handeln, oder ob es Erwachsene sind, die vielleicht am Arbeitsplatz oder in der Öffentlichkeit zum Täter werden - es gibt eine ganze Reihe von Vorzeichen. Und die entdeckt im Grunde nur das soziale Umfeld. Und diese Menschen sollten den Mut haben, die Polizei zu informieren, damit Interventionen eingeleitet werden können. Häufig ist ja auch eine psychiatrische Unterbringung die Folge.

Das Interview führte Damla Hekimoglu, tagesschau24. Die schriftliche Version wurde gekürzt und redigiert.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 25. Mai 2022 um 10:00 Uhr.