Joe Biden zu Besuch im "Office of the Director of National Intelligence" in McLean | AP

Afghanistan in den Händen der Taliban Biden in Erklärungsnot

Stand: 16.08.2021 02:10 Uhr

Für die USA ist der Sieg der Taliban ein außenpolitisches PR-Desaster. Vor allem US-Präsident Biden steht in der Kritik - wegen des raschen Truppenabzugs und seiner falschen Einschätzung der Lage.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Noch Anfang Juli war sich US-Präsident Joe Biden sicher: Es sei sehr unwahrscheinlich, "dass die Taliban ganz Afghanistan überrennen und das Land übernehmen." Doch genau das ist nun passiert. US-Außenminister Antony Blinken versuchte in mehreren Interviews am Wochenende zu erklären, wie sein Chef so falsch liegen konnte und gab die Schuld den Afghanen selbst. "Fakt ist, dass die afghanischen Streitkräfte das Land nicht verteidigen konnten. Und das ging tatsächlich schneller als erwartet", so Blinken bei CNN.

Julia Kastein ARD-Studio Washington

Den Vorwurf, dass Biden die Situation vor Ort in den vergangenen Monaten völlig falsch eingeschätzt habe, wies Blinken zurück. Im Gegenteil: Der Umstand, dass die USA so schnell noch mal die Truppen aufstocken konnten - auf bis zu 6000 und damit mehr als doppelt so viele wie zu Beginn des Abzugs - sei doch ein Beleg dafür, wie gut der Präsident auf alle Eventualitäten vorbereitet gewesen sei.

"Das ist nicht Saigon", sagte der Außenminister. Denn anders als einst in Vietnam sei der Einsatz in Afghanistan ein Erfolg gewesen, weil die USA ihr Ziel erreicht hätten: Die Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 zur Strecke zu bringen und dafür zu sorgen, dass aus Afghanistan keine weiteren Anschläge geplant werden.

Pompeo: Biden hat komplett versagt

Für die Biden-Regierung droht das Ende des Krieges in Afghanistan trotzdem zum außenpolitischen PR-Desaster zu werden: Weil nun nach 20 Jahren, mehr als 2500 toten US-Soldaten und unzähligen zivilen Opfern vor Ort wieder die gleichen radikalen Islamisten an die Macht kommen wie vor 9/11. 

Ex-Außenminister Mike Pompeo etwa erklärte bei Fox News, Biden habe in Afghanistan komplett versagt. Eine Mitverantwortung wies der Chefdiplomat der Ära-Trump weit von sich: Er sei heute noch stolz auf das Abkommen, dass er im Frühjahr 2020 mit den Taliban geschlossen hatte und in dem der komplette Rückzug der Amerikaner vereinbart wurde. Dass die Biden-Regierung nun ihm und Ex-Präsident Donald Trump die Schuld gebe, sei lächerlich, wenn die Situation nicht so riskant wäre: "So eine lächerliche Art, die Verantwortung abzuschieben, würde ich nicht mal meinem 10-jährigen Sohn durchgehen lassen."

"Zum Scheitern verurteilt"

Aber selbst einige Republikaner machen sowohl die alte als auch die neue US-Regierung verantwortlich: Das Unheil habe begonnen, als Trump angefangen habe, mit den Taliban zu verhandeln. Und es ende nun mit Bidens Kapitulation, so die Abgeordnete Liz Cheney bei Twitter. Sie ist die Tochter jenes Ex-Vize-Präsidenten, der den langen Krieg in Afghanistan mit angezettelt hatte.

Der Demokrat Chuck Hagel, Verteidigungsminister unter Barack Obama, räumte bei CNN ein, dass der US-Einsatz in Afghanistan von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen sei: "Wir haben nie die Kultur, die Religion, das Stammessystem und die Geschichte verstanden. Und wenn du das nicht tust, bist du zum Scheitern verurteilt."

Sorge vor Terroristen

Egal ob Demokraten oder Republikaner: die US-Politik treibt jetzt vor allem eine Sorge um: Dass Afghanistan, nach zwei Jahrzehnten Krieg, wieder zur Brutstätte für Terror-Organisationen werden könnte.

Über dieses Thema berichtete am 16. August 2021 das Erste um 05:38 Uhr im ARD-Morgenmagazin und Inforadio um 06:45 Uhr.