Haitianer, die aus den USA abgeschoben wurden, steigen am internationalen Flughafen in Port au Prince aus dem Flugzeug. | AP

Migration in die USA Abgeschoben in die Krise

Stand: 21.09.2021 09:17 Uhr

Die Kleinstadt Del Rio an der Grenze zu Mexiko ist zu einem Brennpunkt der Migrationskrise in den USA geworden. Tausende Menschen, vorwiegend Haitianer, harren dort in einem provisorischen Lager aus. Nun werden sie abgeschoben.

Anne Demmer, ARD-Studio-Mexiko-Stadt

Stephanie gehört zu den ersten 300 Haitianerinnen und Haitianern, die in der Hauptstadt Port-au-Prince gelandet sind. Bereits am Sonntag wurde sie von den US-amerikanischen Behörden nach Port-au-Prince abgeschoben, berichtet die junge Frau gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: "Ich habe Haiti auf der Suche nach einer besseren Zukunft verlassen. Ich wurde von Mitarbeitern der US-Behörden unter der Brücke aufgegriffen und zunächst in ein Abschiebezentrum gebracht. Danach haben sie mich ins Flugzeug gesetzt. In Haiti gibt es keine Perspektiven. Wenn es in unserem Land Arbeit geben würde, dann hätten wir uns wohl kaum dieser schlimmen Situation in anderen Ländern ausgesetzt."

Anne Demmer

Tausende harren unter Grenzbrücke aus

Allein am Sonntag landeten drei Flieger mit deportierten Haitianern in der Hauptstadt Port-au-Prince. Viele von ihnen wussten gar nicht was mit ihnen passiert, berichtet Reuters. Mehr als 14.000 Migrantinnen und Migranten hatten unter der Grenzbrücke im texanischen Del Rio campiert - die Mehrheit von ihnen Haitianer. Der US-Minister für Innere Sicherheit Alejandro Mayorcas warnte: "Wenn Sie illegal in die USA kommen, werden sie abgeschoben. Ihre Reise wird nicht erfolgreich sein. Sie riskieren ihr Leben und das ihrer Familien. Unsere Regierung wird einen sicheren, geordneten Weg für Migration entwickeln. Aber diese Art ins Land zu kommen, ist nicht die richtige."

Zahlreiche Migranten sind an der einer Brücke zwischen Mexiko und den USA in Del Rio (Texas) zu sehen. | via REUTERS

Mehr als 14.000 Migrantinnen und Migranten lagern an einer Grenzbrücke zwischen Mexiko und den USA in Del Rio (Texas). Seit Tagen harren sie dort unter katastrophalen hygienischen Bedingungen aus. Bild: via REUTERS

"Internationale Konventionen werden missachtet"

Der Anthropologe von der iberoamerikanischen Universität Yerko Castro Neira in Mexiko beobachtet die Situation der Haitianer an der US-Mexikanischen Grenze. "Sie werden im Schnellverfahren abgeschoben, ohne dass die Schutzmechanismen des internationalen Rechts angewendet werden", kritisiert er. "Die internationalen Konventionen, die sowohl Mexiko als auch die USA unterschrieben haben, werden missachtet."

Die Mehrheit der Migranten werde unter der sogenannten Titel-42-Regelung abgeschoben. Die Richtlinie wurde unter dem damaligen Präsidenten Donald Trump aufgrund der Corona-Pandemie eingeführt, wegen der akuten Gefahr für die Einschleppung von Covid-19, so lautete die Begründung. Unter US-Präsident Joe Biden wurde die Regelung verlängert. Sie bekommen gar nicht die Gelegenheit, Asyl zu beantragen, so der Wissenschaftler. "Sie werden nun in ein Land abgeschoben, wo die wenigsten eine Möglichkeit haben zu überleben. Oder sie werden nach Mexiko deportiert, beispielsweise in den gegenüberliegenden Bundesstaat Tamaulipas, den die USA selbst wegen der Drogenkartelle zu einer der gefährlichsten Regionen der Welt zählt. Das ist alles sehr widersprüchlich."

Abgesehen davon hätten viele Familien bereits einige Jahre in Chile und Brasilien gelebt. Doch gerade in Pandemie-Zeiten sei die Suche nach Perspektiven erfolglos geblieben. Die meisten Familien hätten eine Odyssee hinter sich.

Die Fluchtursachen der Haitianer sind vielfältig: Das Land befindet sich seit Jahren in einer schweren politischen Krise. Vor wenigen Monaten wurde der Präsident umgebracht. Die grassierende Korruption, die Gewalt der Banden, die Folgen von Naturkatastrophen wie dem jüngsten Erdbeben im August lassen die Haitianer täglich ums Überleben kämpfen. Viele Menschen werden möglichweise schon bald erneut ihr Land verlassen.