US-Präsident Bush und Saudi-Arabiens König Abdullah Bin Abdulaziz bei einem Dinner im Weißen Haus 2008

USA nach 9/11 Realpolitik mit Riad

Stand: 08.09.2021 16:36 Uhr

Die große Mehrheit der Attentäter vom 11.9.2001 kam aus Saudi-Arabien. Und doch musste das Land danach keine Konsequenzen fürchten. Um so lauter fragen Angehörige der Anschlagsopfer noch heute nach den Gründen.

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

Die Frage, welche Verantwortung Saudi-Arabien für die Anschläge vom 11. September trägt, beschäftigt einige Amerikaner bis heute. Da ist zum Beispiel Terry Strada. Ihr Ehemann Tom kam ums Leben, als der nördliche Turm des World Trade Center in New York einstürzte. "Nach 20 Jahren schützen das Justizministerium und das FBI genau das Land, das 15 der 19 Entführer erschaffen hat - das Königreich Saudi-Arabien", sagt sie.

Torsten Teichmann ARD-Studio Washington

Strada steht Anfang August zusammen mit Senatoren der Demokratischen Partei auf einer improvisierten Pressekonferenz am Fuß des Kapitol-Gebäudes in Washington D.C.. Sie verlangen, bisher als geheim eingestufte Papiere zum 11. September zu veröffentlichen:

Wir wissen, dass das Königreich die Terror-Organisation Al Kaida entscheidend unterstützt und finanziert hat. Und es gibt Beweise, dass saudische Agenten, die das Land in die USA gesendet hatte, einigen, wenn nicht gar allen der 19 Entführer halfen, die am Anschlag beteiligt waren."  

Gedankenspiele nach den Anschlägen

Warum haben die USA in Folge der Terroranschläge nie mit Saudi-Arabien gebrochen? David Rundell sagt, innerhalb der Bush-Administration hätten einige wenige 2001 überlegt, die Beziehungen einzuschränken. Der Diplomat diente in seiner aktiven Zeit in der US-Botschaft in Riad, aber auch den Konsulaten in Dschiddah und Dhahran.

Einige Leute in Washington seien damals verärgert gewesen und hätten gefordert, Saudis kein Visum mehr für die USA zu erteilen, die Botschaften oder Konsulate zu schließen, nicht länger saudische Offiziere auszubilden und: den Saudis keine Waffen mehr zu verkaufen.

Am Ende setzten sich aber die Stimmen in der Administration durch, erklärt Rundell, die das Verhältnis zu Saudi-Arabien für unverzichtbar hielten.

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Der Angriff auf Amerika

Auch eine Folge von 1979

Um die Entscheidung zu erklären, müsse man bis ins Jahr 1979 zurückgehen, sagt Paul Salem vom Institut für den Nahen und Mittleren Osten, einer Politikberatung in Washington D.C. - das Jahr also, in dem die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte. Saudi-Arabien, Pakistan und die USA begannen, radikale Islamisten im Kampf gegen die Kommunisten zu unterstützen.

Zu der Zeit, erinnert Salem, hätten die Vereinigten Staaten islamistische Extremisten nicht als Gefahr eingeschätzt: "Für sie waren Kommunisten die Gefahr. Sie stellten später fest, dass das eine schreckliche Fehleinschätzung war."

Soldaten der Roten Armee neben einem sowjetischen Panzer 1979 in Kabul (Afghanistan) | AP

1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein. Danach finanzierten die USA islamische Rebellen - eine Hilfe mit weitreichenden Folgen. Bild: AP

Zu enge Verbindungen

Für Saudi-Arabien aber, das auch die Rebellen unterstützte, war es da schon zu spät, die Verbindungen zu kappen: Das Königshaus steckte nach Ansicht der Amerikaner noch tiefer drin. Einige US-Diplomaten wie Rundell tendieren aber dazu, Saudi-Arabiens Führung dabei in Schutz zu nehmen.

Es sei nicht so gewesen, dass sie Terroristen bewusst unterstützt hätten. Aber die saudische Führung habe die Wohltätigkeitsorganisationen der Taliban und anderer fundamentalistischer Gruppen zwar finanziell unterstützt, sie aber sehr nachlässig kontrolliert. Mit der Folge: "Leute konnten machen, was sie wollten, und einige von denen hatten schlechte Dinge vor." 

Washington und Riad im gleichen Boot? 

Salem sagt, das erklärte Ziel von Al Kaida und Osama bin Laden sei es gewesen, das Königshaus der Sauds zu stürzen. Außerdem bestand ein gutes Verhältnis zwischen der Familie von US-Präsident Bush und dem Hause Saud. Schließlich überwog in Washington 2001 der Eindruck, man befinde sich mit der Führung in Riad im gleichen Boot.

Aber es gibt noch mehr Gründe, warum die Amerikaner ein Bruch der Beziehungen nie ernsthaft in Erwägung gezogen haben: die eigenen Interessen. Salem verweist darauf, dass die bilateralen Beziehungen zwischen beiden Staaten weit zurückreichen: "Sie gehen zurück auf die 1940er-Jahre und drehten sich erst einmal nur um Erdöl."

Die heutigen Gemeinsamkeiten

Heute geht es kaum mehr um Ölimporte für Amerika, sondern um Saudi-Arabiens Möglichkeit, mit seinen großen Fördermengen den Ölpreis weltweit zu beeinflussen. Von strategischem Interesse sind die fünf US-Militärbasen im Land sowie im benachbarten Katar und Bahrain. Und schließlich kaufen die Saudis in den USA Waffen und Rüstung für -zig Milliarden US-Dollar.

Zuletzt hatte der Mord am saudischen Journalisten Jamal Khashoggi im Auftrag oder im Wissen des saudischen Kronprinzen Mohammed Bin Salman jede Hoffnung auf einen Neustart ernüchtert. US-Präsident Joe Biden versprach im Wahlkampf, Saudi-Arabien zum Aussätzigen zu erklären.

Nach seiner Wahl unterschied Biden im Interview mit dem Fernsehsender "ABC" zwischen Tatbeteiligten und dem Kronprinzen. So klingt dann "Realpolitik":

Ich habe gegenüber dem König, seinem Vater klar gemacht, dass sich Dinge ändern werden. Wir ziehen alle zur Verantwortung, die an der Tat beteiligt waren. Aber nicht den Kronprinzen, denn mir ist nicht bewusst, dass wir im Fall von Verbündeten je zu einem amtierenden Staatschef gegangen sind und ihn bestraft haben."

Kampf um ein Gesetz

In einem Videogespräch vom Haus ihrer Tochter in North Carolina aus erklärt Terry Strada die nächsten Schritte. Ein Gesetz soll das Justizministerium zwingen, neue Dokumente zur Beteiligung der Saudis zu veröffentlichen. Sie sei immer noch zuversichtlich, und das müsse sie auch sein, um ihren Kampf weiterzuführen.

Und sie habe die Hoffnung, dass die Ereignisse von vor 20 Jahren das Verhältnis mit Saudi Arabien "neu aufsetzen" würden - nicht zerstören: "Es ist sehr wichtig, offen zulegen, welche Rolle das Königreich bei der Finanzierung von Terrorismus spielt. Heute wichtiger als jemals zuvor mit Blick auf die Ereignisse in Afghanistan."

Denn anders als Experten in Washington glaubt Strada als Hinterbliebene, dass die Unterstützung für Terroristen durch Saudi-Arabien nie aufgehört hat. Die USA hätten ja noch nicht mal geklärt, wie Geld in der Vergangenheit geflossen ist.

Über dieses Thema berichtete die Sendung "Monitor" im Ersten am 09. September 2021 um 21:45 Uhr.