Khudeza Begum kopiert den Namen ihres im WTC (USA) verstorbenen Neffen am Mahnmal auf ein Papier (Aufnahme von 2012) | picture alliance / dpa

Folgen von 9/11 "Ground Zero" für Amerikas Muslime

Stand: 09.09.2021 21:07 Uhr

Der Angriff islamistischer Terroristen am 11.9.2001 ließ auch für muslimische US-Bürger gleich zwei Welten zusammenstürzen. Fortan standen sie unter einem Generalverdacht - der bis heute nicht ganz verschwunden ist.

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

Zwei Wochen vor dem 11. September hatte Zainab Chaudry begonnen, einen Hidschab zu tragen. Mit 19 Jahren. Ihr Vater sei skeptisch gewesen, erinnert sich Chaudry. Und an dem Tag, an dem Terroristen mit Flugzeugen in das World Trade Center in New York krachten, wurde aus Skepsis Angst.

Torsten Teichmann ARD-Studio Washington

An dem Tag habe sie gerade die Pharmazieschule, die sie besuchte, verlassen, als ihr Vater anrief: "Er sagte: 'Nimm Deinen Hidschab ab', und ich fragte: 'Warum, was ist passiert?'. Und er antwortete: 'Wir sprechen später, aber nur für Deine Sicherheit, nimm deinen Hidschab für den Moment ab.'."

Auf dem Heimweg zog ein Passant am Kopftuch der Pharmazie-Studentin. Sie steckte den Stoff schließlich in ihre Tasche. Sie habe es gehasst, Angst haben zu müssen. "Aber ich merkte, dass sich etwas unumkehrbar verändern würde. Dass unser Land nie wieder das gleiche sein wird."

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Der Angriff auf Amerika

Eine Veränderung für jeden - auch für Muslime

20 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September wird in den USA ausführlich berichtet, wie stark die Ereignisse junge Muslime geprägt haben. Wie sehr Amerikas Angst vor militanten Islamisten auch ihr Leben verändert hat.  

Dabei war schon früh davor gewarnt worden, drei Millionen Amerikaner muslimischen Glaubens auszugrenzen. Präsident George W. Bush richtete sieben Tage nach dem Terror das Wort an die Nation:

Frauen in diesem Land, die ihren Kopf bedecken, müssen sich sicher fühlen, wenn sie das Haus verlassen. Mütter, die sich verhüllen, dürfen nicht bedroht werden. Sonst ist das nicht das Amerika, das ich kenne, das ist schätze.

Der Alltag war anders

Die Realität des Alltags sei eine andere gewesen, sagt Zainab Chaudri im Rückblick. Muslimische US-Amerikaner hätten andere Erfahrungen gemacht.

Die Bilder der Terroranschläge wurden im US-Fernsehen von Anfang an mit Aufnahmen von Frauen in Burka oder Hidschab gemischt. Muslime wurden abgestempelt - auch in der US-Popkultur. So kam in Filmen das Böse seit langem von der arabischen Halbinsel.

Sonderregeln für Muslime

In der Realität riefen die USA zum Krieg gegen den Terror auf. Neue Behörden wurden gegründet, um Menschen zu überwachen. Im Juni 2002 verkündete Justizminister John Ashcroft, dass Männer aus bestimmten arabisch oder mehrheitlich muslimischen Ländern sich bei der Regierung registrieren lassen und Fingerabdrücke abgeben müssen - in einem Land, das sonst kein Meldewesen kennt.

"Taliban", "Terrorist" oder "Osama Bin Laden" sei er nach dem 11. September von einigen Marines gerufen worden, erzählt Mansoor Shams aus Baltimore in einem Fernsehinterview. Bis 2004 hatte er wie sie im US-Militär gedient. Die Zurückweisung sitzt tief. Neulich habe er bei einer Hotelbuchung für seine Gemeinde erklärt, es gehe um die Gruppe eines Gebetshauses, statt von einer Moschee zu sprechen.

Es ist die anhaltende Angst, zurückgewiesen zu werden: "20 Jahre nach 11. September bekomme ich das Gefühl nicht raus. Wir haben also keine großen Fortschritte gemacht, oder? Ich meine, man kann das nicht Fortschritt nennen."

Zuletzt hatte der abgewählte US-Präsident Donald Trump die Angst wieder geschürt und zum Beispiel ein Einreiseverbot für Menschen aus einigen, mehrheitlich muslimischen Ländern erlassen.

Im Januar 2017 demonstrieren US-Bürger auf dem Flughafen von Dallas gegen ein Einreiseverbot für Bürger aus mehrheitlich muslimischen Ländern. | picture alliance / Brandon Wade/Star-Telegram/dpa

Eine Entscheidung, die auf lauten Protest stieß: Im Januar 2017 demonstrieren US-Bürger auf dem Flughafen von Dallas gegen ein Einreiseverbot für Bürger aus mehrheitlich muslimischen Ländern. Bild: picture alliance / Brandon Wade/Star-Telegram/dpa

Ein Weckruf

Mansoor Shams hat dagegen begonnen seine Rolle als Ex-Marine und muslimischer Amerikaner zu nutzen, um aufzuklären. Zainab Chaudri arbeitet in Baltimore mittlerweile für den Rat der amerikanisch-islamischen Beziehungen. Sie sagt, die Anschläge seien für Muslime in Amerika auch eine Art Weckruf gewesen.

Sie hätten sie gezwungen, ihr gewohntes Leben zu verlassen und mit der interreligiösen Gemeinschaft Gespräche zu führen. Um selbst zu erklären, was Islam ist, anstatt dies denjenigen zu überlassen, "die immer versuchen, das was an dem Tag passiert ist, in Verbindung zu bringen mit dem Glauben, dem 1,5 Milliarden Muslime weltweit folgen".

Moschee in Dearborn (US-Bundesstaat Michigan) | picture alliance / dpa

Rund 0,8 Prozent der US-Bvölkerung sind muslimischen Glaubens. Die größte Moschee steht in Dearborn im Bundesstaat Michigan, der wegen der Automobilindustrie viele arabischstämmige Bürger hat. Bild: picture alliance / dpa

Anspruch auf die eigene Identität

Und wenn sich Chaudry an den Tag vor 20 Jahren erinnert, dann fällt ihr auch ein, dass der Hidschab nicht lang in ihrer Tasche blieb - nach ein paar Stunden habe sie ihn wieder aufgesetzt. Sie sei nicht aufsässig gewesen - "aber ich war nicht bereit zu akzeptieren, dass ich meine Identität aufgrund der Anschläge der Terroristen verändern muss".

Das klingt so selbstverständlich. Für muslimische Amerikaner bleibt Trauer um die Opfer der Anschläge vom 11. September aber immer noch mit der Sorge um die eigene Sicherheit und ihre Zukunft in den USA verknüpft.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. September 2021 um 13:51 Uhr.