In Washington protestieren Menschen vor dem Supreme Court gegen ein Abtreibungsgesetz in Mississippi. | AP

Abtreibungsrecht vor Supreme Court Draußen Gefühle, drinnen Argumente

Stand: 02.12.2021 08:47 Uhr

Begleitet von Protesten hat der Oberste Gerichtshof der USA mit der Anhörung zum Abtreibungsgesetz von Mississippi begonnen. Die Entscheidung des Gerichts könnte weitreichende Folgen haben - fällt aber wohl erst Mitte 2022.

Von Franziska Hoppen, ARD-Studio Washington

"Schämt euch, ihr bösen Frauen", ruft dieser Abtreibungsgegner vor den Stufen des Obersten Gerichtshofs in sein Megafon. Flankiert wird er von zwei schwarz gekleideten Männern mit Sonnenbrillen. Sie halten lebensgroße Schilder hoch. "Abtreibung ist Mord" steht auf einem. Ein anderes zeigt ein Baby in einer Blutlache.

Franziska Hoppen ARD-Studio Washington

Hunderte Abtreibungsgegner protestieren dicht gedrängt vor dem Obersten Gerichtshof. Busse haben ganze Kirchengemeinden vorgefahren, religiöse Schüler-und Studentengruppen. So wie ihn: einen Siebzehnjährigen in Anzug und Krawatte. Ein Schwangerschaftsabbruch sei ein Kinder-Opfer an den Teufel, sagt er. Seinen Namen möchte er lieber nicht nennen.

Kritik an lauter Minderheit

Eigentlich ist die Pro-Life Bewegung, die Abtreibungen ablehnt, eine Minderheit. Etwa 60 Prozent der Amerikaner sind für legale Abtreibungen. Aber: Die Minderheit ist laut. Und an diesem Tag besser organisiert.

Befürworter des Abtreibungsrechts kommen kaum gegen die Wutreden an. "Wir werden laut sein, kompromisslos, wir werden Abtreibungen freikämpfen", ruft diese Aktivistin, umringt von Frauen, die wollen, das sie weiterhin frei über ihren Körper entscheiden können.

Neun Richter vor wichtiger Entscheidung

Drinnen, im Gerichtssaal weniger Gefühle - dafür mehr Argumente. Die neun Richter befragen beide Seiten. Und Richterin Sonia Sotomayor lässt durchblicken, sie hält nichts davon, dass Roe gegen Wade nun angefochten wird. Denn für das Grundsatzurteil, das Abtreibungen bis zur 24. Schwangerschaftswoche erlaubt, haben sich US-Amerikaner - auch die Richter des "Supreme Courts" - über Jahrzehnte immer wieder ausgesprochen.

"15 Richter haben ja gesagt, aus unterschiedlichen politischen Richtungen. Wird dieses Gericht den Gestank überleben, den es in der öffentlichen Wahrnehmung schaffen würde, wenn klar wird: Die Verfassung und ihre Interpretation sind einfach nur ein politischer Akt?"

Kein politischer Akt, findet Scott Stewart - eher Demokratie, wie sie sein sollte. Er vertritt den Kläger in diesem Fall, den Bundesstaat Mississippi. Und der will vom Gericht wissen: Ist es wirklich verfassungswidrig, wenn Bundesstaaten über Abtreibungsverbote selbst entscheiden? "Abtreibung ist ein schweres Thema. Es verlangt uns allen das Beste ab - nicht nur ein Urteil von uns wenigen. Wenn ein Thema alle beschäftigt, und wenn die Verfassung keine klare Stellung dazu bezieht, dann gehört dieses Thema den Bürgern."

Entscheidung voraussichtlich im Juni

Nur machen einige Bürger sich sorgen, dass am Ende doch die Abtreibungsgegner mächtiger sind. Das sagt diese Frau, die draußen vor dem Supreme Court protestiert: "Die Minderheiten regieren doch", sagt sie. Die Wahlrechtsreformen und Neuzeichnungen von Wahlbezirken bevorzugten sie. Das sei unfair - ihnen gegenüber - der Mehrheit.

Vier der sechs konservativen Richter scheinen nach dem ersten Verhandlungstag bereit, Roe versus Wade zu kippen. Geschieht dies tatsächlich, dann würden mindestens zwölf Bundesstaaten dann Abtreibungen direkt verbieten. Eine Entscheidung soll voraussichtlich im Juni kommenden Jahres fallen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Dezember 2021 um 08:45 Uhr.