Vertriebene Familien waten bei ihrer Ankunft in Beira durchs Wasser. | dpa

UNHCR-Bericht Mehr Menschen denn je auf der Flucht

Stand: 18.06.2021 07:00 Uhr

Noch nie waren so viele Menschen weltweit auf der Flucht vor Krieg und Gewalt: Nach dem jüngsten Bericht des UN-Flüchtlingshilfswerks stieg die Zahl der Flüchtlinge auf 82,4 Millionen. Mehr als zwei Drittel kamen aus nur fünf Ländern.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Es sind alarmierende Zahlen. Vor allem nach diesem Jahr der Covid-Pandemie mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit und zeitweise 160 geschlossenen Staatsgrenzen, sagt der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge Filippo Grandi: "Ungeachtet dessen sind es drei Millionen Menschen mehr als im Jahr davor, die vor Krieg, Diskriminierung, Verfolgung und anderen Formen der Gewalt fliehen."

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Niemals zuvor habe seine UN-Organisation so viele Flüchtlinge gezählt. Mehr als zwei Drittel der Menschen kamen aus nur fünf Ländern: Venezuela, Afghanistan, Südsudan und Myanmar - und vor allem: Syrien. Viele Flüchtlinge sind Vertriebene im eigenen Land.

"Und das besonders Erschreckende: 42 Prozent dieser Flüchtlinge sind Kinder", sagt Grandi. Sie brauchten besonderen Schutz, insbesondere wenn Krisen über Jahre andauern. Krisen, die weltweit noch zugenommen haben - "trotz Covid. Trotz aller Appelle des Generalsekretärs nach einem weltweiten Waffenstillstand. Trotz verstärkter Friedensbemühungen."

Deutschland unter stärksten Aufnahmestaaten

Fast neun von zehn Flüchtlingen schlupfen in Ländern unter, die an Krisengebiete angrenzen. Viele der am wenigsten entwickelten Länder gewähren fast einem Drittel aller Flüchtlinge Asyl. Die meisten Flüchtlinge nimmt die Türkei auf - gefolgt von Kolumbien, Pakistan, Uganda und Deutschland. Es sei aber nicht mit Flüchtlingslagern getan, warnt Grandi. Besonders die jungen Menschen müssten eingegliedert werden, um ihnen die Chance auf ein besseres Leben zu geben.

Auf so ein Leben hoffte auch Bahati Hategekimana aus Ruanda. In ihrem Asylland Kenia erfüllte sie sich einen Lebenstraum und ließ sich zur Krankenschwester ausbilden: "Mein Flüchtlingsstatus war mein 25 Jahre lang mein unfreiwilliger Gefährte. Er war meine Stärke und meine Schwäche zugleich", sagt sie. "Jetzt bin ich stolz darauf, dass ich zu einem Umsiedlungsprogramm gehören werde." Als qualifizierte Krankenschwester wird die junge Frau nach Kanada gehen.

Zahl der Asylanträge dennoch gesunken

Solche Programme wurden durch die Corona-bedingten Reisebeschränkungen erschwert. Unabhängig davon hatte die US-Regierung unter Donald Trump die Plätze für Umsiedler in die USA massiv beschnitten: von 85.000 in der Zeit seines Vorgängers auf 18.000.

US-Präsident Joe Biden hat bereits damit begonnen, diese Plätze wieder aufzustocken. Das stimme hoffnungsvoll, betont der Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks: "Wenn die Pandemie überstanden ist und die USA wieder ein robustes Umsiedlungsprogramm auflegen, bekommen solche möglichen Lösungen wieder Substanz."

Während es weltweit immer mehr Flüchtlinge gibt, sind die Zahlen in Deutschland und Europa erneut gesunken. Mit gut 100.000 neuen Asylanträgen verzeichnete die Bundesrepublik die seit Jahren geringste Zahl.

Dieser Beitrag lief am 18. Juni 2021 um 10:07 Uhr auf B5 aktuell.