Die UN-Botschafterin der USA Linda Thomas-Greenfield im Sicherheitsrat in New York | AFP

Kritik im UN-Sicherheitsrat an Russland Massenhaft Ukrainer verschleppt?

Stand: 08.09.2022 03:20 Uhr

Schwerwiegende Vorwürfe im UN-Sicherheitsrat gegen Russland: Dessen Militär soll Ukrainer in Deportationslagern unterbringen, um sie anschließend nach Russland zu verschleppen. Moskau bestreitet das.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Das Wort allein erzeuge eine Gänsehaut, sagte US-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield im UN-Sicherheitsrat: "Filterung". Ein Wort für eine Reihe von Gräueltaten, die sich gerade in Europa ereigneten und die an eine sehr dunkle Phase der Vergangenheit erinnerten:

Das Wort kann nicht ansatzweise den Horror vermitteln, und die Verdorbenheit dieser vorsätzlichen Praxis.
Antje Passenheim ARD-Studio New York

Stattfinden sollen diesen Gräueltaten, dieses "Ausfiltern", in russischen Deportationslagern im ukrainischen Kriegsgebiet. Moskaus Militär solle Hunderttausende Menschen aus der Ukraine dorthin bringen, um sie dann gegen ihren Willen nach Russland oder in russisch besetztes Gebiet weiterzutransportieren, erklärte die UN-Beauftragte für politische Angelegenheiten, Rosemary DiCarlo:

Die anhaltenden Beschuldigungen über gewalttätige Vertreibung, Deportation und sogenannte 'Filter-Camps' Russlands und angeschlossener lokaler Kräfte sind extrem beunruhigend.

Eltern sollen von Kindern getrennt werden

Es gebe Schätzungen, nach denen das russische Militär seit seinem Einmarsch bis zu eineinhalb Millionen Menschen auf diese Weise aus ihrer Heimat vertrieben haben - darunter auch Kinder, sagte US-Botschafterin Thomas-Greenfield:

Sie werden verhört, sie werden festgehalten, sie werden zwangsweise deportiert. Einige werden in die entferntesten Teile Ostrusslands geschickt.

Andere verschwänden ohne jede Spur. Es gebe glaubwürdige Berichte, wonach ukrainische Kinder von ihren Eltern getrennt und nach Russland deportiert würden, sagte die Chefin des UN-Menschenrechtsbüros in New York, Ilze Brands Kehris: "Wir sind besorgt darüber, dass die Russen eine einfache Prozedur eingeführt haben, damit die Kinder dort schnell eingebürgert und zur Adoption an russische Familien freigegeben werden können."

Berichte über Misshandlung, Folter und Mord in Lagern

Über Belege für diese "Filterungen" in Lagern, an Checkpunkten oder einfach auf der Straße sollen Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) verfügen. Lokale Organisationen hätten bereits Tausende von Gewalttaten dokumentiert, erklärte die ukrainische Menschenrechtlerin Oleksandra Drik vom Zentrum für Freiheitsrechte. Zugeschaltet berichtete sie dem UN-Sicherheitsrat von sexuellen Misshandlungen, von Demütigungen, Folterungen, Mord.

Oder die Geschichte des 16-jährigen Vladim, der versucht habe, aus der besetzten Stadt Melitopol, südlich von Saporischschja zu fliehen. Er habe drei Monate in einem Camp überlebt. "Er kam in eine Zelle ohne funktionierende Toilette. Fast täglich hörte er die Schreie, sah, wie Kriegsgefangene gefoltert wurden. Hinterher musste er die Folterzellen vom Blut reinigen", so Drik.

Russland spricht von freiwilligen Ausreisen

Russlands UN-Botschafter Wassili Nebensja wies diese Vorwürfe zurück und tat sie als westliche Propaganda ab. Die umgesiedelten Menschen flöhen freiwillig aus der Ukraine. Sie könnten sich in Russland frei bewegen. Niemand werde daran gehindert, das Land zu verlassen.

Doch mehrere UN-Mitgliedsstaaten wie etwa die USA forderten, dass die Vereinten Nationen und Menschenrechtsorganisationen müssten Zugang zu den Camps erhalten, in denen die Menschen untergebracht seien.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. September 2022 um 09:00 Uhr.