Ein jemenitisches Team wartet eine Solaranlage bei Sanaa, die auch vom UNDP unterstützt wird. | AFP
Porträt

UNDP-Chef Steiner Das Rückgrat der Weltgemeinschaft stärken

Stand: 17.06.2021 11:01 Uhr

Achim Steiner ist hierzulande nur wenigen ein Begriff - dabei ist er als Chef des Entwicklungsprogramms UNDP der ranghöchste Deutsche bei den Vereinten Nationen. Seine zweite Amtszeit beginnt unter den Vorzeichen großer globaler Krisen.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Das Interesse an der Welt, an Entwicklung und Nachhaltigkeit wurde Achim Steiner so gut wie in die Wiege gelegt. Der inzwischen 60-Jährige wuchs auf einer Farm in Süd-Brasilien auf. "Man lernte fast eher das Pferd reiten als zu laufen, denn auf einer solchen Farm war das das Fortbewegungsmittel. Der Strom wurde mit einem Generator produziert. Abends um zehn gingen die Lichter aus", erinnert er sich.

Peter Mücke ARD-Studio New York

Steiners Eltern hatten in Deutschland Landwirtschaft studiert und waren Ende der 1950er-Jahre ausgewandert. "Das war ein faszinierendes Leben auf dem Land und mit dem Land", sagt er. Selbst sein Leben der Landwirtschaft zu widmen, kam für ihn allerdings nicht in Frage.

Also studierte Steiner Philosophie, Politik und Wirtschaftswissenschaften in Oxford - und widmete sich dann der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik. Ein Jahr lang machte er ein Praktikum bei einer kleinen NGO im Süden Indiens. Um mit den Menschen vor Ort Projekte zu entwickeln - und nicht nur Lösungen von außen einzubringen.

Der deutsche Diplomat Achim Steiner | picture alliance / dpa

Seit vielen Jahren an der Spitze von UN-Organisationen: Achim Steiner Bild: picture alliance / dpa

Das Leitthema: Ökonomie und Ökologie

Seitdem hat ihn die Entwicklungspolitik nicht mehr losgelassen. Mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit ging er nach Pakistan, für die weltweit größte Naturschutzorganisation IUCN nach Südafrika, für die Mekong River Kommission nach Vietnam.

Und schließlich zog es ihn als Chef der Weltstaudammkommission (WCD) nach Kapstadt. "Staudämme sind ja nach Religionen fast eines der größten Themen, das die Menschen zu manchmal sehr kontroversen Diskussionen führt", sagt Steiner. "Und so ging mein Weg immer tiefer in diese Verbindung von Ökonomie und Ökologie. Und das ist sicherlich ein Leitthema geworden für mich."

2006 dann der Einstieg bei den Vereinten Nationen: Steiner wurde Nachfolger von Klaus Töpfer als Direktor des UN-Umweltprogramms. Seit 2017 ist er Leiter des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen. Es sind zwei Positionen, die das Spektrum von Steiners Arbeit zeigen: nämlich Nachhaltigkeit und Entwicklungspolitik als Einheit zu sehen.

Kein Zurück zum Zustand vor der Pandemie

"Das, was uns ja so oft zurückgeworfen hat, ist dieses manchmal sehr enge Verständnis: Man ist entweder für Naturschutz oder für Armutsbekämpfung. Und diese Polarität hat uns oft sehr viel Zeit gekostet und sehr viele Fehler verursacht", sagt Steiner dazu. "Ich bin damals sehr bewusst in diese Naturschutzorganisationen gegangen, weil sie sich mit dieser Frage Nachhaltigkeit und Entwicklung schon viel intensiver befasst und auch vorausgedacht haben."

Wie wichtig die Arbeit des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen ist, wurde vielen zum ersten Mal in der Corona-Pandemie deutlich. Als größte UN-Organisation mit 18.000 Mitarbeitern in 170 Ländern half sie, viele Staaten vor dem wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch zu bewahren. Steiner spricht von einem "Rückgrat für die Weltgemeinschaft", das die UNDP und andere UN-Organisationen stellen mussten - "denn viele Länder konnten sich ja überhaupt nicht vorbereiten auf diese Krise."

Jetzt sei es wichtig, dass diese Länder beim Wiederaufbau ihrer Volkswirtschaften einen Sprung nach vorne machten. Ein Zurück zu vorher, als 50 Prozent der Menschen weltweit keine sozialen Sicherungssysteme hatten, dürfe es nicht geben, warnt Steiner.

Ungleichheit und mangelnde Nachhaltigkeit sind für mich die Schlüsselfaktoren, was die Zukunft von Entwicklung angeht. Diese zwei Variablen werden letztlich darüber bestimmen, ob wir eine positive Entwicklung, eine Erholung aus dieser Krise erleben können. Oder ob wir versuchen, nur dahin zurückzugehen, wo wir vor zwei Jahren vielleicht mal waren.

Die Pandemie - "Vorbote für größere Krisen"

Trotz vieler Rückschläge und nationaler Alleingänge ist Steiner erstaunlich optimistisch: "Gerade bei der Klimapolitik, würde ich behaupten, sind wir heute an einem Punkt, an dem wir uns einen Fortschritt vorstellen können, der vor 18 Monaten in dieser Form noch nicht vorstellbar war", meint er.

"Und das hat sehr viel damit zu tun, dass - glaube ich - wir alle im Augenblick spüren und verstanden haben, dass diese Pandemie ein Vorbote für größere Krisen ist, die sehr viel mit der Art und Weise zu tun haben, wie wir zum einen wirtschaften mit dem Planeten, aber auch damit, wie wir miteinander umgehen."

Das gelte auch für die gerechte Verteilung der Corona-Impfstoffe auf der Welt - und dazu gehört für Steiner auch die umstrittene Freigabe von Patenten, auch wenn sie nicht die Lösung für das "gesamte Problem" sei - aber ein wichtiges Signal, das bei der Pandemiebekämpfung Hindernisse aus dem Weg räumt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Mai 2020 um 11:05 Uhr.