Andy Wing | Antje Passenheim
Reportage

Trucker-Proteste in Kanada Party, Drohungen und genervte Anwohner

Stand: 12.02.2022 09:58 Uhr

Die meisten Kanadier unterstützen die Corona-Maßnahmen - doch die Protest-Trucker wollen weiter kämpfen - für ihre Freiheit, wie sie sagen. In Ottawa feiern sie eine Dauerparty - Anwohner sind genervt.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Die Stimmung trübt auch Kälte und Eisregen nicht. Vor dem beleuchteten Uhrenturm des Parlaments in Ottawa geht es wie am Rand eines Hockeyspiels zu: Menschen mit Flaggen umwickelt, Hupen und Techno. Nur keine Covid-Masken.

Antje Passenheim ARD-Studio New York

So fühlt sich für Quinn die Freiheit an: "Jeder will frei sein, besonders in einem freien Land. Es sind so viele Leute hier. Die Vibes sind wirklich gut. Sie sind so glücklich."

Wut gegen Premierminister

Zwischen den blinkenden Trucks und der Disco-Anlage steht Quinns bunter Kiosk. Viele rote Ahornblätter, Schilder mit der Aufschrift: "Mein Körper gehört mir." Doch sein Verkaufsschlager sind "Fuck Trudeau"-Mützen: "Mein Freund war so nett, mir die ersten paar hundert zu spendieren, damit das Geschäft in Gang kam."

Protestschilder auf LKW, Canada | Antje Passenheim

Seit Wochen protestieren die Trucker in der Innenstadt. Bild: Antje Passenheim

Protestschilder gegen Trudeau auf einem LKW, Canada | Antje Passenheim

Die Wut richtet sich gegen Kanadas Premierminister Trudeau. Bild: Antje Passenheim

Quinns Wut richtet sich gegen Kanadas Premierminister, dem er die ganze Misere in die Schuhe schiebt. Der Handwerker ist arbeitslos. Sein Chef hat ihn entlassen, weil er den Impfgegner nirgends mit hineinnehmen konnte.

Und deshalb ist Quinn jetzt hier. Zwischen den Protest-Trucks, mit denen alles angefangen hat, als sie vor zwei Wochen hupend und drohend in die Hauptstadt gerollt kamen.

80 Prozent der Kanadier ist voll geimpft

Um für ihre Freiheit zu kämpfen hätten sie das gemacht, sagt Andy Wing - und lacht aus dem hohen Fenster seines Monstertrucks. "Wer von uns nicht geimpft ist, kann nicht ins Restaurant oder ins Kino. Einige verlieren ihre Jobs. Das ist keine Freiheit."

Dabei sind 80 Prozent der Kanadier voll geimpft und haben keine Probleme mit den Corona-Maßnahmen ihrer Regierung. Doch die Minderheit, die anders denkt, lässt sich vor den Polizeiblockaden feiern. Menschen winken, danken den Truckern, umarmen sie. Essensstände, Kinderspielflächen, Musiker - betonte Volksfeststimmung.

Sie wehrten sich gegen Leute, die ihre Proteste mit Hakenkreuzen und Parolen gekapert hätten, sagt Wing: "Wir wollen diese Leute nicht und wir unterstützen sie auch nicht. Die Organisatoren haben sie sogar schon aufgefordert zu gehen, wenn sie Ärger gemacht haben." Doch viele Menschen in Ottawa würden die Demonstranten genauso gern gehen sehen.

Premierminister droht mit Konsequenzen

Nach zwei Wochen Lärm und Party meidet die Innenstadt, wer kann. Geschäfte bleiben leer. Restaurantbesitzer wie Robert klagen: "An einem Freitagabend hätten wir normalerweise Schlangen vor der Tür. Jetzt ist gerade ein Platz besetzt - von 460 Plätzen. Wir verlieren gerade bis zu 10.000 Dollar pro Tag."

Auch dem Premierminister der Provinz Ontario, Doug Ford, platzt langsam der Kragen. Das sei eine illegale Besetzung. Er droht: "Es wird Konsequenzen für diese Aktionen geben. Und sie werden hart sein."

Ford verhängte den Notstand über Ontario. Wer sich weigert, die Blockade aufzuheben, dem drohen nun Geldstrafen von umgerechnet mit zu 70.000 Euro und ein Jahr Gefängnis. Außerdem könnten den Lastwagenfahrern die Lizenzen entzogen werden.

Trucker Wing zuckt mit den Schultern: "Wir sind hier. Sie können uns androhen, was sie wollen. Wir gehen nirgendwohin."

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 12. Februar 2022 um 07:07 Uhr.