US-Verteidigungsminister Austin empfängt den ukrainischen Präsidenten Selenskyj | REUTERS

Selenskyj in Washington Der Teufel steckt im Detail

Stand: 01.09.2021 02:47 Uhr

Der ukrainische Präsident Selenskyj trifft heute erstmals seinen Amtskollegen Biden. Gleich mehrere Vereinbarungen sind geplant - unter anderem zum Konflikt in der Ostukraine und zu Nord Stream 2. Doch der Teufel steckt im Detail.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Zweimal wurde der Termin verschoben - um jeweils einen Tag nach hinten. Zuletzt wegen des US-Truppenabzugs in Afghanistan. Die ukrainische Seite zeigte sich verständnisvoll und betonte, man freue sich auf das Treffen mit dem US-Präsidenten. Bei seiner Ankunft in Washington bezeichnete der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die bevorstehenden Gespräche mit seinem Amtskollegen Joe Biden als "inhaltsreich".

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

"Insgesamt sind drei Verteidigungsabkommen geplant. Also, geplant. Darüber werden wir sprechen", erklärte Selenskyj im Vorfeld. Auch seien wirtschaftliche Vereinbarungen wichtig. "Es wird eine große Diskussion über Nord Stream 2 geben und mögliche Vereinbarungen im Energiebereich. Mal schauen. Der Teufel liegt im Detail."

Einigkeit bei Nord Stream 2

Zumindest was die bald fertiggestellte Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 angeht, die russisches Gas ohne Umweg über die Ukraine direkt in die EU pumpen soll, sei man sich einig, erklärte die ukrainische Botschafterin in den USA, Oksana Markarowa: "Sowohl wir als auch die Vereinigten Staaten sehen Nord Stream 2 klar als geopolitisches Projekt der Russischen Föderation. Und wir sehen die Risiken, die es nicht nur für die Ukraine, sondern für die gesamte Region birgt."

Die Einigung zwischen Deutschland und den USA, mit der Washington letztlich grünes Licht für die Fertigstellung von Nord Stream 2 gab, wurde in der Ukraine scharf kritisiert. Immer wieder betonte die Führung in Kiew, dass man nun alles daran setzen werde, die Inbetriebnahme der Pipeline zu verhindern. In Washington will Selenskyj daher um weitere US-Sanktionen gegen die europäischen Betreiber werben, um das Projekt auf diesem Wege zu stoppen, "damit Nord Stream 2 nicht zu dem wird, was es werden kann: Eine Waffe gegen die Ukraine und die Region", so Botschafterin Markarowa.

Warnung vor zu hohen Erwartungen

Doch ob und wie weit Präsident Biden auf diese Forderungen eingehen wird, ist eine der noch zu besprechenden Detailfragen. Ohnehin warnt der ukrainische Politologe Wolodimir Fessenko mit Blick auf dieses erste persönliche Treffen der beiden Präsidenten vor überhöhten Erwartungen - auch beim Thema Sicherheit.

"Ein Verteidigungsabkommen wird vorbereitet. Das ist ein Rahmenabkommen. Es geht nicht darum, dass die Ukraine den Alliierten-Status außerhalb NATO erhält", sagt Fessenko. "Aber es stellt die Zusammenarbeit im Verteidigungs- und Sicherheitsbereich auf eine dauerhafte Basis, und das ist sehr wichtig für die Ukraine."

Militärhilfen im mehrstelligen Millionenbereich

Seit 2014, seit Beginn des Ostukraine-Konflikts, schicken die USA Militärhilfen im mehrstelligen Millionenbereich. Während die Europäische Union derartige Hilfszahlungen zuletzt stark reduziert hat, weiten die USA ihre Sicherheitspartnerschaft mit der Ukraine immer weiter aus. Politologe Fessenko ist daher überzeugt, dass auch das heutige Treffen einige Ergebnisse bringen wird - vieles hänge aber auch davon ab, ob der ehemalige Schauspieler Selenskyj und das Polit-Urgestein Joe Biden eine gemeinsame Sprache finden.

"Sie sind natürlich Menschen aus verschiedenen Generationen und es könnte ihnen am Anfang schwer fallen", so die Einschätzung von Fessenko. "Aber Biden kennt die Ukraine sehr gut. Er war mehrmals in der Ukraine, noch bevor Selenskyj in die Politik kam."

Botschafterin Markarowa bricht die US-amerikanisch-ukrainischen Beziehungen - ungeachtet des selbstbewussten Auftretens von Präsident Selenskyj - auf eine ganz einfache Formel herunter: "Wir sind dankbar für die Zusammenarbeit und arbeiten daran, sie auszubauen." 

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 01. September 2021 um 10:11 Uhr.