Ein Screenshot eines Videos der Taliban, dass die Islamisten in sozialen Netzwerken hochgeladen haben (Archivbild). | via REUTERS

Afghanistan Taliban ein Problem für Social-Media-Plattformen

Stand: 18.08.2021 05:07 Uhr

Facebook stuft die Taliban als Terrororganisation ein und hat die Islamisten deswegen auf seiner Plattform verboten. Deutlich lockerer im Umgang gibt sich Twitter. Dort verbreiten die Taliban wichtige Nachrichten.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Als die USA 2001 in Afghanistan einmarschiert sind, gab es in dem Land kein Internet, nur die wenigsten hatten ein Mobiltelefon, erzählt Emerson Brooking von der Washingtoner Denkfabrik Atlantic Council dem Wirtschaftssender Bloomberg. "Heute haben 40 Prozent der Afghanen Internetzugang, 90 Prozent besitzen ein Mobiltelefon." Längst verstehen es die Taliban, die komplette Klaviatur der sozialen Medien zu bedienen. Auf allen wichtigen Plattformen unterhalten sie Konten. 

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

"Seit 2015 sind sie bei WhatsApp und Telegram. 2017 haben sie angefangen, Propaganda-Videos nach dem Vorbild der Terror-Organisation IS zu veröffentlichen. Und seit drei Jahren verbreiten sie Fake News - ähnlich wie wir das von Iran oder Russland gewohnt sind."

Unterschiedlicher Umgang der Plattformen mit den Taliban

Wenn man die großen Social-Media-Konzerne im Silicon Valley fragt, ob und wie sie gegen Taliban-Konten vorgehen, dann fällt die Antwort sehr unterschiedlich aus. Äußerst verschlossen gibt sich die Google-Tochter YouTube. Die Videoplattform verweist darauf, dass die US-Regierung die Taliban als terroristische Organisation einstufe. Deshalb werde man Taliban-Konten löschen. Mehr wolle man nicht sagen.

Anders Twitter. Der Kurznachrichtendienst lässt den Sprecher der Taliban, Suhail Shaheen, mit mehr als 350.000 Followern gewähren - solange er nicht zur Gewalt aufrufe, betont man in San Francisco. 

Bei Facebook sind Taliban-Konten verboten - sowohl auf der eigenen Plattform als auch bei Tochter-Diensten wie Instagram oder Whatsapp, so Adam Mosserie, der Chef der Fotoplattform Instagram. "Wir erlauben keinerlei Präsenz der Taliban bei uns - weder Jubelfeiern, werbliche Inhalte oder eine Vertretung. Wir löschen pro-aktiv alle Inhalte, die wir für gefährlich halten, selbst wenn diese sich mit den Taliban im Allgemeinen beschäftigen."

Schwer, Taliban-Konten ausfindig zu machen

Facebook hat mittlerweile eine Gruppe auf WhatsApp gelöscht, die die Islamisten für die Hauptstadt Kabul eingerichtet hatten, damit die Bevölkerung darüber Plünderungen oder Gewalttaten melden kann. 

Grundsätzlich ist es für den Chat-Dienst aber sehr schwer, Taliban-Konten überhaupt ausfindig zu machen. Die Nachrichten bei WhatsApp sind Ende-zu-Ende verschlüsselt. Die App ist auf die Analyse von Fotos, Profilfotos und die Selbst-Beschreibung möglicher Gruppen angewiesen. 

Afghanen müssen nun Online-Präsenz löschen

Rückblickend betrachtet, sagt Politikwissenschaftler Brooking, hätten Facebook, Twitter und YouTube den radikalen Islamisten bei ihrem Aufstieg sogar geholfen. "Sie haben ihnen eine Legitimation verschafft. Die Taliban konnten dort ihre militärischen Fortschritte feiern. Die sozialen Medien haben ihnen erlaubt, nicht nur als Schattenregierung aufzutreten, sondern sich sich auch als legitime Regierung Afghanistans darzustellen. Und das schon seit einiger Zeit."

Für viele Menschen in Afghanistan, so Brooking, komme es nun darauf an, möglichst schnell ihre Online-Präsenzen löschen zu können, zum Beispiel den Lebenslauf bei LinkedIn. Denn das sei das Erste, was die Islamisten bei einer Personenkontrolle überprüfen würden:

Sie wollen checken, ob man die USA oder den Westen in der Vergangenheit unterstützt hat. Gefährlich ist selbst ein Auslandssemester vor fünf oder zehn Jahren, oder wenn man mit Leuten in den USA oder Europa befreundet ist.

Genau das lässt sich am leichtesten online herausfinden. Ob sich diese digitalen Spuren in einer Suchmaschine wie Google so schnell verwischen lassen, ist äußert fraglich.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. August 2021 um 06:48 Uhr.