Zwei Männer in Schutzanzügen transportieren den Sarg mit dem Leichnam eines Corona-Opfers.  | dpa

Corona-Pandemie Südamerikas verheerende zweite Welle

Stand: 26.05.2021 11:22 Uhr

Südamerika kämpft derzeit gegen eine ungebremste zweite Corona-Welle. Nur wenige Menschen sind bislang geimpft, und das Gesundheitssystem steht vielerorts vor dem Kollaps.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Buenos Aires noch vor zehn Tagen: Asado und Jazzkonzerte auf dem Gehweg, Bars und Brauereien waren voll. Dabei kletterten die Neuinfektionen tagtäglich höher, auf 30.000, fast 40.000 Fälle pro Tag. Die Regierung zog die Reißleine, seit Samstag gilt ein strikter Lockdown. Er kam viel zu spät, sagt Intensivmedizinerin Vanina Edul. Sie arbeitet in zwei großen Krankenhäusern von Buenos Aires, eines privat, eines staatlich.

Der Lockdown wird den Kollaps nicht verhindern. In einigen Provinzen gibt es schon keine Intensivbetten mehr, es fehlt an ausgebildetem Personal. Die Kollegen haben keine Kraft mehr, sie sind ausgelaugt, wir haben Fälle von Depression, Angstanfälle, wir haben Kollegen verloren. Manche haben ihre eigenen Familienangehörigen angesteckt. Wir haben einen Marathon hinter uns, nun sehen wir, dass darauf nun, fast ohne Pause, ein Ultramarathon folgt.
Anne Herrberg ARD-Studio Buenos Aires

Dabei war die Kurve im südamerikanischen Sommer abgeflacht. Man fuhr in den Urlaub nach Brasilien, traf sich zum Grillfest mit Freunden, das Gefühl: das Schlimmste ist vorbei. Nun sind, selbst in der Metropoleregion, 76 Prozent der Intensivbetten belegt, dabei hat Argentinien seine Kapazität im Vergleich zum Beginn der Pandemie verdreifacht.

In den Nachbarländern sieht es nicht besser aus

"Wir erleben derzeit den schlimmsten Moment der Pandemie", so Staatschef Alberto Fernandez vergangene Woche. In den Nachbarländern sieht es nicht besser aus. Zwar leben in Südamerika nur etwas mehr als fünf Prozent der Weltbevölkerung, doch die Region hat mehr als 20 Prozent der im Zusammenhang mit Covid-19 Verstorbenen zu beklagen.

Das hat zum einen strukturelle Gründe: Ein großer Teil der Bevölkerung ist arm, muss täglich raus zum Arbeiten, um zu Überleben. Experten machen dafür auch die brasilianische Virusvariante P1 verantwortlich. Die Übertragbarkeit sei höher, der Krankheitsverlauf schwerer, beobachtet die argentinischen Ärztin Carlotta Heinrich: "Zur Zeit sind die Menschen bei uns auf der Station zwischen 40 und 60 Jahre alt."

Verschuldung für Sauerstoff

Selbst in Uruguay, das zunächst als Musterbeispiel in der Virusbekämpfung galt, sind die Zahlen explodiert, in Paraguay sind die Krankenhäuser voll, und in Peru blüht der Schwarzmarkt für Sauerstoff. Yulitze Torres muss sich für die neue Fülling ihrer Flasche verschulden.

Wir brauchen Sauerstoff, damit unsere Angehörigen überleben. Wenn wir keinen Sauerstoff bekommen, sterben sie.

Elver Estela aus Lima fliegt derweil zum Impfen in die USA. Ein Ticket kostet so viel wie fünf bis zehn Sauerstoff-Füllungen. Im Interview mit dem Nachrichtensender CNN sagt der Transportunternehmer:

Du musst dein Leben schützen, darum geht es. Das Management der Regierung ist absolut unzulänglich, man muss sich selbst kümmern, und wenn ich mich außerhalb impfe, bleibt eine Dosis mehr für die Menschen in Peru.

Laut der Statistik der Plattform "Our World in Data" sind in Südamerika rund acht Prozent der Bevölkerung geimpft. Doch während in Chile bereits jeder zweite Bewohner zumindest eine Dosis erhielt, liegt die Impfquote in Ländern wie Paraguay, Peru oder Ecuador unter drei Prozent.  

Es brauche mehr globale Solidarität und eine gerechtere Verteilung, forderten jüngst sechs lateinamerikanischen Präsidenten, quer durch alle politischen Lager. 50 Prozent aller Impfdosen seinen bisher an die fünf reichsten Industrienationen gegangen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, dass "weniger als 2,5 Prozent der Bevölkerung Südamerikas" geimpft seien. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 26. Mai 2021 um 07:51 Uhr.