Kerzen stehen an den Treppen des US-Kapitols am Jahrestag des Sturms am 6. Januar | EPA

Sturm auf das Kapitol Gemeinsames Gedenken - Fehlanzeige

Stand: 07.01.2022 09:21 Uhr

Während die einen den Sturm auf das Kapitol als einen Angriff auf die US-Demokratie werten, werfen die anderen ihnen vor, das Ereignis nur politisch auszubeuten: Am Jahrestag finden Demokraten und Republikaner nicht zueinander.

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Lisa Blunt Rochester hat noch gut in Erinnerung, wie es war, in der Galerie des Sitzungssaals in der Falle zu sitzen: "Ducken, kriechen, über und unter Geländern, Hände, Knie, die Geräusche, der Geruch", erzählte die Abgeordnete aus Delaware im Abgeordnetenhaus. Sie hätten einen Platz in der ersten Reihe gehabt für das, was Lügen, Hass und Fehlinformation heraufbeschwören.

Katrin Brand ARD-Studio Washington

Rochester und andere Abgeordnete ließen gestern im Kongress den 6. Januar 2021 Revue passieren. Angst ums eigene Leben, als Hunderte Trump-Anhänger das Kapitol stürmten, Sorge um die Demokratie, Wut auf den früheren Präsidenten, Dank an die Sicherheitskräfte: Das war den ganzen Tag über in vielen Reden herauszuhören - aber fast ausschließlich von Demokraten, die republikanischen Kollegen blieben dem Gedenken fern.

Nur zwei prominente Republikaner zeigten sich: Liz Cheney und ihr Vater, der frühere Vizepräsident Dick Cheney. Die aktuellen Parteiführer hätten nichts mit den Leuten gemeinsam, die er gekannt habe, sagte der 80-Jährige zu den Reportern.

Biden macht Trump für Gewalt verantwortlich

Präsident Joe Biden benannte deutlich wie nie zuvor, wen er für verantwortlich für die Lügen, den Hass und den Angriff auf die Demokratie hält: seinen Vorgänger Donald Trump. Zum ersten Mal in der Geschichte der USA habe ein Präsident nicht nur die Wahl verloren, sondern auch versucht, einen friedlichen Amtswechsel zu verhindern. Sein verletztes Ego sei ihm wichtiger als die Demokratie oder die Verfassung, so Biden über Trump. Er könne nicht akzeptieren, dass er verloren habe.

Der Präsident kündigte an, dass er weiter um die Seele Amerikas kämpfen werde. Und die USA müssten entscheiden, welche Art von Nation sie sein wollten. Dies sei kein Land der Könige, Diktatoren und Autokraten. Hier regiere das Volk durch den Stimmzettel und sein Wille siege.

Republikaner bleiben weitgehend still

Die führenden Köpfe der Republikaner blieben gestern weitgehend still. Mitch McConnell, der Chef der Senatsfraktion, räumte per Pressemitteilung zwar ein, dass der 6. Januar ein dunkler Tag für die Demokratie und das Land gewesen sei, warf aber einigen Demokraten vor, das Ereignis parteipolitisch auszubeuten.

Senator Lindsey Graham äußerte per Twitter den Verdacht, Joe Biden benutze den Tag, um sein gescheiterte Präsidentschaft wiederzubeleben.

Und Ron De Santis, der Gouverneur von Florida, griff die Medien an: Für sie sei der 6. Januar wie Weihnachten. "Sie werden dieses Ereignis so weit wie möglich ausschlachten, um alle zu beschmieren, die je Donald Trump unterstützt haben", meinte der Gouverneur.

Der frühere Präsident selbst appellierte an seine Anhänger, niemals aufzugeben. "Vergesst niemals das Verbrechen der Präsidentschaftswahl 2020", schrieb Donald Trump. Die Lüge von der vermeintlich manipulierten Wahl wird auch das neue Jahr überschatten.

 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. Januar 2022 um 06:12 Uhr.