Die Hand eines nur wenige Wochen alten Babys. | picture alliance/dpa

US-Studie Pandemie-Babys entwickeln sich langsamer

Stand: 21.01.2022 05:18 Uhr

In der Corona-Pandemie geborene Kinder entwickeln sich einer US-Studie zufolge in den ersten sechs Monaten etwas langsamer als Vor-Corona-Babys. Besonders betroffen sind Beweglichkeit und soziale Fähigkeiten.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

New York City wird häufig als das Epizentrum der Corona-Pandemie bezeichnet. In der Tat verbreitete sich das Virus im Frühjahr und Sommer 2020 rasant in der Stadt. Das Gesundheitssystem war völlig überfordert. Zeitweise starben jeden Tag 800 Menschen mit Covid-19. Aber: Es wurden auch Babys geboren in dieser Zeit.

Peter Mücke ARD-Studio New York

Welchen Einfluss es auf das Kind hat, wenn die Mutter in der Schwangerschaft mit Corona infiziert war, das sollte nun durch eine Studie untersucht werden. Schließlich wisse man, sagt die Kinderärztin Dani Dumitriu, eine der Autorinnen der Studie: "Bei anderen Infektionen wird das Immunsystem der Mutter derart aktiviert, dass die Babys geschädigt werden."

Das war der Ausgangspunkt der Untersuchung. Zu ihrer Überraschung aber konnten die Forscher bei Corona "nichts Dergleichen" feststellen: "Was die Entwicklung des Kindes angeht, gibt es keinen Unterschied, ob die Mutter in der Schwangerschaft infiziert war oder nicht."

Wo die Pandemie-Kinder schlechter abschnitten

Zusammen mit Lauren Shuffrey von der New Yorker Columbia University verglich Dumitriu dann die Daten von 255 Babys, die zwischen März und Dezember 2020 während der Pandemie auf die Welt gekommen waren, mit den Daten einer Gruppe Neugeborener vor dem Corona-Ausbruch. "Da haben wir festgestellt, dass die Pandemie-Kinder nach sechs Monaten bei Grob- und Feinmotorik sowie sozialen Fähigkeiten etwas schlechter abschnitten", sagt Dumitriu.

Besonders signifikant sei der Unterschied bei den Kindern, deren Mütter die im ersten Trimester der Schwangerschaft waren, als die Pandemie ausbrach. "Hier ist der Entwicklungsunterschied gegenüber der historischen Kohorte am größten", sagt die Kinderärztin.

Warum das so ist, darauf könne die Studie keine zuverlässige Antwort geben, sagt Dumitriu. Aber: "Aus der Forschung an Tieren und Menschen wissen wir, dass Stress während der Schwangerschaft Einfluss auf die Entwicklung des Fötus hat. Und je früher in der Schwangerschaft dieser Stress auftritt, umso wahrscheinlicher tritt auch dieser Effekt auf."

Unsicherheit, die belastet

Die beiden Forscherinnen untersuchten die Entwicklung von Babys, die sehr früh in der Pandemie geboren wurden. In einer Zeit, in der die Unsicherheit und der damit verbundene Stress für die Mütter besonders groß war. Doch auch jetzt noch seien Schwangere Corona-Stress ausgesetzt. "Der erste Stress war besonders intensiv, der Stress des Unbekannten. Dafür gibt es jetzt eine andere Art von Stress, der auch Auswirkungen auf die Entwicklung der Babys haben könnte", sagt Dumitriu.

"Wir stecken jetzt schon fast zwei Jahre in dieser Pandemie. Wir sind mitten in einer neuen Welle. Wir wissen vielleicht ungefähr, wie wir uns verhalten müssen. Aber dafür leiden viele jetzt unter einer überwältigenden Erschöpfung", so die Forscherin.

Langfristige Folgen noch nicht absehbar

Es ist eine Entkräftung mit nicht bekannten Auswirkungen auf die Babys, die in den kommenden Monaten geboren werden. Die langfristigen Folgen der Pandemie für Kinder sind ohnehin noch lange nicht absehbar.

Doch es könnte auch positive Aspekte geben, sagt Shuffrey - etwa, dass Eltern mehr Zeit zu Hause mit ihren Babys verbringen könnten, weil sie nicht ins Büro pendeln müssen. "So etwas könnte zu einer besseren Entwicklung zumindest mancher Kinder führen. Das werden wir in weiteren Studien untersuchen", so die Co-Autorin.

Grund zu allzu großer Sorge besteht nach Ansicht der Forscherinnen ohnehin nicht. Zum einen seien die festgestellten Entwicklungs-Unterschiede zwischen Pandemie- und Vor-Corona-Babys nur gering. Zum anderen handle es sich um ein sehr frühes Entwicklungsstadium. "Nichts ist in Stein gemeißelt. Wir haben noch so viel Zeit, um zu intervenieren. Deshalb ist diese Forschung so wichtig. Nicht um irgendwas Schlimmes vorherzusagen, sondern damit wir schnell eingreifen können, um die Entwicklung dieser Kinder zu beeinflussen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 20. Januar 2022 um 06:38 Uhr.