Brenda Mamani Tinta sieht Huara Medina beim Skaten zu.
Reportage

Indigene Bolivianerinnen "Imillas" skaten Vorurteilen davon

Stand: 09.03.2021 12:44 Uhr

In Cochabamba skaten junge Frauen in indigener Tracht. Sie brechen so nicht nur mit einem Tabu, sondern machen auch auf die lange Benachteiligung ihrer Völker in Bolivien aufmerksam.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro, zzt. Cochabamba

Mit feurigem Blick balanciert Huara Medina auf ihrem Skateboard am oberen Rand der Halfpipe. Dann stürzt sie sich rasant das Halbrund hinunter. Ihr knallig blauer Rock und die beiden Zöpfe wehen nach hinten. Medina ist eine von zwölf jungen bolivianischen Frauen, die in Cochabamba seit Kurzem viele Blicke auf sich ziehen. Die Mitglieder der Gruppe "Imilla Skate" teilen eine Leidenschaft fürs Skaten und trainieren dafür hart. "Wenn ich skate, muss ich mich extrem konzentrieren und spüre gleichzeitig einen großen Frieden in mir. Ich finde zu mir selbst", erklärt Medina.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Erst ein lässiger Handschlag, dann umarmt Medina ihre Freundin Brenda Mamani Tinta vor dem wöchentlichen Training. Die beiden haben sich vor zwei Jahren auf einem öffentlichen Platz in Cochabamba zu ersten Mal getroffen. Damals übten sie den "Ollie", den Basis-Trick beim Skateboarden - und beschlossen spontan, eine Gruppe für skatende Frauen ins Leben zu rufen; die erste in Bolivien überhaupt. Sie gründeten eine WhatsApp-Gruppe und kurz darauf schlossen sich ihnen weitere junge Bolivianerinnen mit indigenen Wurzeln an. Seitdem nennen sie sich "Imilla Skate". Imilla bedeutet auf Quechua, einer Sprache der bolivianischen Ureinwohner, "junges Fräulein". 

Huara Medina von Imilla Skate legt sich in der Halfpipe ins Zeug.

Huara Medina von "Imilla Skate" legt sich in der Halfpipe ins Zeug.

Jahrhundertelange Unterdrückung

Als das Training beginnt, wird es ernst. Yerko Peredo gibt präzise Anweisungen für das Athletiktraining. Der Sportwissenschaftler ist der einzige Mann im Dunstkreis von "Imilla Skate". Als die Frauen ihnen damals fragten, ob er sie trainieren wolle, musste er nicht lange überlegen. "Sie sind sehr ehrgeizig und werden von Woche zu Woche besser", erzählt er voller Stolz. Zu Beginn des Trainings tragen die Skaterinnen noch Leggings und T-Shirts, wenn sie über Hürden springen und einbeinig hüpfend balancieren. Die Koordinations- und Sprungkraftübungen nehmen sie ernst, denn nur so können sie später auch schwierige Sprünge meistern.

Die Frauen von "Imilla Skate" sind alle Mitte zwanzig und in Cochabamba, der viertgrößten Stadt Boliviens, aufgewachsen. Mamani Tinta studiert Psychologie, sie fühlt sich den Traditionen der indigenen Bolivianer verbunden. Ihre Vorfahren waren traditionelle Bauern vom Volk der Quechua. Sie wurden seit der Kolonialisierung jahrhundertelang unterdrückt. Bis heute kämpfen viele Indigene Boliviens um Gleichstellung in der Gesellschaft und einen fairen Anteil am Wohlstand. Mamani Tinta, Medina und die anderen wollen darauf und auf das kulturelle Erbe ihrer Vorfahren aufmerksam machen.

Brenda Mamani Tinta flicht Fabiola Gonzalez Zöpfe - so tragen die indigenen Bolivianerinnen traditionell ihre Haare.

Brenda Mamani Tinta flicht Fabiola Gonzalez Zöpfe - so tragen die indigenen Bolivianerinnen traditionell ihre Haare.

In Tracht in den Vorlesungssaal

Dafür besuchen sie regelmäßig Frauen wir Basilia Muñoz Lopez, die in einer einfachen Hütte mitten in einer Armensiedlung am Stadtrand lebt. Ihre Tochter Daisy ist ebenfalls Mitglied von "Imilla Skate". Im Gespräch mit der 60-Jährigen erfahren die jungen Skaterinnen mehr über ihre Wurzeln und die Spiritualität der älteren Generation - zum Beispiel über den Glauben an Pacha Mama, Mutter Natur.

Quechua spricht Mamani Tinta nur noch wenig. Als Stadtkind ist sie eher westlich geprägt aufgewachsen. Doch gleichzeitig besitzt sie einen immensen Wissensdurst nach den althergebrachten Riten und Traditionen. Sie interessiert sich aber auch für die Schwierigkeiten und Vorurteile, mit denen indigene Frauen früher konfrontiert waren. Wie beispielsweise das Schicksal von Basilia Muñoz Lopez: "Ich durfte nur vier Jahre lang die Schule besuchen. Bildung war für indigene Frauen nicht vorgesehen."

Gemeinsam skaten die jungen Frauen durch die Stadt - Fabiola Gonzalez fährt voran.

Gemeinsam skaten die jungen Frauen durch die Stadt - Fabiola Gonzalez fährt voran.

Heute sei das glücklicherweise anders, erzählt Skaterin Jessica Paye: "Es gibt Frauen, die in Tracht in den Vorlesungssaal kommen - das ist ein extremer Fortschritt."

Vor mehr als 15 Jahren hat in Bolivien ein Umdenken stattgefunden. Auf Indigene wird nicht mehr herabgeschaut wie noch zuvor, sondern ihre Sprache und Kultur werden als wichtiger Teil des bolivianischen Erbes wahrgenommen. Anteil daran hatte auch eine Politik, die die indigenen Mitbürger förderte und ihre Belange erstmals ernst nahm.

Bei Basilia Muñoz Lopez lernen die indigenen Skaterinnen mehr über ihre eigene Geschichte.

Bei Basilia Muñoz Lopez lernen die indigenen Skaterinnen mehr über ihre eigene Geschichte.

"Wollen bewusst mit Klischees brechen"

Das brachte Mamani Tinta, Daisy Muñoz Lopez und Huara Medina vor einem Jahr auf die Idee, das Skaten und die Tradition der Ureinwohner zu verbinden. Sie zogen sich kurzerhand Röcke und gestickte Blusen an, flochten sich Zöpfe und betraten die Halfpipe. Anfangs war das gar nicht so leicht, erzählt Fabiola Gonzalez: "Es stört ganz schön, weil ich meine Füße nicht sehe. Genau das ist beim Skaten aber so wichtig."

Nach einigen Versuchen gewöhnten sie sich daran - und seitdem sind die Röcke tragenden Skaterinnen landesweit bekannt. Immer zum Ende ihres Trainings werfen sich die Frauen in die indigene Tracht. Das Ganze filmen sie und posten es in den sozialen Netzwerken. "Wir wollen ganz bewusst mit Klischees brechen und zeigen, dass wir stolz sind auf unsere kulturellen Wurzeln und das Erbe unserer Vorfahren", sagt Huara Medina.

Grunppenbild der jungen Frauen von "Imilla Skate".

Die jungen Frauen von "Imilla Skate". Ihre Gruppe wird immer größer.

Dann rast sie wieder die Halfpipe hinab, setzt mit voller Geschwindigkeit zu einem Ollie an, fährt weiter und balanciert ihr Brett auf einer Eisenstange, bis sie zum Stehen kommt. Auch Stürze mit blauen Flecken und geschwollen Ellenbogen können die Frauen von "Imilla Skate" nicht aufhalten. Und: Ihr Vorbild findet immer mehr Nachahmerinnen, die zwei Mal pro Woche zur Halfpipe kommen und ihre Bewegung verstärken.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. März 2021 um 13:11 Uhr.