US-Präsident Biden bei einer Pressekonferenz mit dem deutschen Bundeskanzler Scholz (vl.). | EPA
Analyse

Scholz in den USA Bidens Vertrauensvorschuss

Stand: 08.02.2022 02:57 Uhr

"Total, vollkommen, absolut" vertrauenswürdig: Bidens Lob für seinen in der Kritik stehenden Gast hatte etwas Beschwörendes. Washington war ein Scholz-Erfolg - aber weitere Prüfungen kommen sehr bald.

Eine Analyse von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio, z.Zt. Washington

Es waren die erwartet hübschen Bilder. Da saß der deutsche Kanzler im Oval Office. Links Scholz. Rechts Biden. Im Hintergrund knisterte das Kaminfeuer. "Willkommen!", sagte Biden. Gleich drei Mal. Freunde unter sich. Und es waren die erwartet freundlichen Worte eines US-Präsidenten an den neuen Kanzler eines alten Verbündeten.

Georg Schwarte ARD-Hauptstadtstudio

Später in der Pressekonferenz mehr davon. Deutschland unzuverlässig? Biden gab sich nicht nur große Mühe, auszuräumen, was sich in der amerikanischen Öffentlichkeit, aber eben nicht nur dort, einzuschleichen begann - dass Deutschland in der Ukraine-Frage unklar und zweideutig agiere.

Biden überschlug sich beinahe. Deutschland sei "total, vollkommen, absolut" vertrauenswürdig, müsse kein Vertrauen zurückgewinnen. Deutschland habe es. So oft führte Biden das Wort vom Vertrauen im Mund, dass es einer Beschwörung gleich zu kommen schien.

Scholz beugt sich dem Druck nicht

Für den deutschen Kanzler jedenfalls war der offizielle Antrittsbesuch sicher ein Erfolg. Interviews in der "Washington Post", Bilder mit Biden. Flüssig parlierte der Kanzler auf Englisch 15 Minuten auf CNN über die Ukraine, über China, sogar darüber, was ihn nachts wach hält. Es ist übrigens der Wunsch nach weltweitem Frieden.

Aber eines bleibt auch hängen, nach diesem ersten Blitzbesuch des neuen deutschen Kanzlers in den USA. Auch hier in Washington nahm Scholz - wissend, wie sehr die amerikanische Politik, die Osteuropäer, die Ukrainer doch darauf warten - einen Begriff eben nicht in den Mund: Nord Stream 2.

Biden klar, Scholz zweideutig

Alle Sanktionen liegen auf dem Tisch, wiederholt der Kanzler sein Mantra. Dass er einzelne nicht nenne, erklärt er zur strategischen Ambiguität, an der alle Alliierten gemeinsam arbeiteten. Eine Minute danach sagte der US-Präsident trocken: Sollte Russland in der Ukraine einmarschieren, wird es Nord Stream 2 nicht geben. Wir, die USA, werden dafür sorgen. Das Ist das Gegenteil. Unzweideutiger geht nicht.

Fürs Zweideutige bleibt weiter Scholz übrig, der sich eben in den Kopf gesetzt hat, Nord Stream 2 nicht in den Mund zu nehmen. Was als Kurs halten begann, sieht für manche nach Sturheit aus.

Scholz sollte aufpassen, dass aus Sturheit nicht Trotz wird, denn dieser Olaf Scholz kam so selbstbewusst nach Washington, als wäre er nicht zwei Monate, sondern zwei Amtsperioden Kanzler. Als würden auch zu Hause die Menschen nicht mittlerweile darauf warten, vom Kanzler vielleicht nicht jeden Tag eine neue, aber hin und wieder eine klare Ansage zu bekommen.

Scholz muss sich Vertrauen erarbeiten

Irritationen über den Kurs der Regierung in der Ukraine-Krise? Ein Olaf Scholz hat keine Irritationen. Der Mann hat einen Plan. Mit dem ist der deutsche Kanzler, der immer schon einen Plan hatte - selbst als niemand ihn damals als Kanzler sah - nach Washington gereist.

Die Idee von Scholz: Der Neue im Kanzleramt sitzt im Oval Office neben dem bald 80-jährigen Joe Biden. Der US-Präsident schüttelt ihm die Hand und sagt Freundlichkeiten. Der Rest ergibt sich.

Aber der Rest ergibt sich eben nicht. Selbstvertrauen hat dieser Olaf Scholz von Hause aus. Vertrauen als Kanzler aber muss er sich erarbeiten. Washington war da nur der Auftakt. Heute kommen Macron und Duda nach Berlin. Nächste Woche warten Kiew und Moskau. Viel Raum für Zweideutigkeiten bleibt nicht. Bidens Vertrauen in Scholz, es klang wie ein Vorschuss. Aber immerhin einer unter Freunden.

Über dieses Thema berichtete das Nachtmagazin am 07. Februar 2022 um 00:00 Uhr.