Opfer eines Säureanschlages vor einem Spiegel. | ARD-Studio Mexiko

Säureangriffe auf Frauen Wie ein Tod im Leben

Stand: 25.11.2021 10:34 Uhr

Als Yocairi Amarante sich von ihrem Partner trennt, heuert er Bekannte an, die ihr mit Säure das Gesicht verätzen. Sie ist kein Einzelfall - doch die Einsicht, dass solche Angriffe gegen Frauen geahndet werden müssen, kommt in der Dominikanischen Republik erst spät.

Von Xenia Böttcher, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Der Gerichtssaal in Santo Domingo füllt sich, jeder Sitzplatz ist bald besetzt. Dahinter reihen sich die vielen Kamerateams auf. In Handschellen werden die drei Angeklagten hereingeführt. Dann huscht Yocairi Amarante als letzte in den Saal. Ein Pflaster und eine große Sonnenbrille verdecken das fehlende Auge, deutlich aber sind die vielen Narben im Gesicht zu sehen.

Xenia Böttcher ARD-Studio Mexiko City

Amarante wurde Opfer eines Säureattentats mit "Acido del Diablo", Teufelssäure - einem Gemisch aus unterschiedlichen Säuren, die zum Beispiel genutzt werden, um Autolacke zu entfernen. Der mutmaßliche Auftraggeber: ihr Ex-Freund und Vater der gemeinsamen Tochter. Zwei seiner Bekannten soll er angeheuert haben, Amarante mit der Säure zu überschütten. Alle drei sitzen, scheinbar völlig unbeteiligt, auf der Anklagebank.

Die Tat ereignete sich im September 2020. Überwachungskameras hielten den Moment fest, als Amarante aus einem Sammeltaxi springt: Sekunden vorher wurde sie von zwei Motorradfahrern mit der Teufelssäure überschüttet. Man sieht, wie sie sich vor Schmerz windet. "Die Schmerzen waren unbeschreiblich, es gibt keine Worte dafür. Ich konnte sehen wie mir die Haut vom Körper abfällt, wie das Fleisch schwarz wurde", beschreibt sie es später.

Die bei Touristen - gerade aus Deutschland - so beliebte Dominikanische Republik hat ein Problem, das fernab der Postkarten-Strände, meist in den ärmeren Vierteln geschieht: Säureattentate gegen Frauen sind kein Einzelfall.

Überlebende eines Säureanschlages. | ARD-Studio Mexico

Yocairi Amarante geht mit Sonnenbrille auf die Straße. Der Anschlag hat ihr das Selbstbewusstsein genommen. Bild: ARD-Studio Mexico

Rache- und Besitzdenken der Männer

Die junge Frau war 19 Jahre alt und hatte sich gerade von ihrem Langzeitfreund getrennt. Der Angriff sei seine Art gewesen, Rache zu nehmen, sagt sie. 40 Prozent ihrer Haut sind verätzt: Arme, Brust, Beine. Das rechte Auge ist verloren, mit dem anderen sieht sie verschwommen. Yocairi Amarante war eine schöne Frau. Nun ist sie für das Leben gezeichnet.

Es sei ein Tod im Leben, sagt die 20-Jährige: "Ich werde traurig, wenn ich daran denke, wie ich früher aussah und wie ich jetzt aussehe. Ich versuche aber, nicht an das Vergangene zu denken, ich versuche es hinter mir zu lassen, zu sagen: Ich sehe gut aus, wie ich bin." Als sie aus dem Krankenhaus kam, habe ihre Tochter sich erschrocken und die Mutter ein Monster genannt. Zwei Mal versuchte Amarante seitdem, sich das Leben zu nehmen.

Wie viele Frauen in der Dominikanischen Republik aus Rache mit Teufelssäure angegriffen werden, dazu gibt es keine Zahlen. Behörden sprechen von einigen Dutzend. Der plastische Chirurg Severo Mercedes, der auch Amarante behandelt, hat oft Patientinnen mit schweren Säureverätzungen: "Es tut uns weh, wenn wir einen Patienten haben, von dem wir wissen: Egal wie viel wir tun, wir werden nie erreichen, was wir wirklich wollen", sagt er und fordert: Das soziale Phänomen solcher Attacken müsse untersucht werden.

Ein Arzt behandelt ein Opfer eines Säureanschlages.  | ARD-Studio Mexiko

Es tue weh, Amarantes Verätzungen nicht ungeschehen machen zu können, sagt Chirurg Severo Mercedes. Bild: ARD-Studio Mexiko

Strafverfolgungsquote ist niedrig

Weltweit werden im Jahr etwa 1500 Säureattacken gegen Frauen gemeldet. Die Dunkelziffer wird höher geschätzt. Meistens sind es Taten aus Eifersucht und männlichem Besitzdenken heraus - mit dem Ziel, das Leben der Frau für immer zu zerstören.

Denn oft wenden sich Menschen im Umfeld von den entstellten Opfern ab. Sie finden nur schwer eine Arbeit, geschweige denn einen Partner. Und nicht selten werden die Opfer skeptisch befragt, ob sie nicht selbst schuld an dem seien, was ihnen passiert ist, erzählt Mercedes Taveras von der Stiftung "Sembrando Esperanza". Jahrzehntelang habe die Dominikanische Republik nur halbherzig auf die Säureattentate reagiert, klagt sie: "Es ist sehr schwierig für uns, wenn du keine Unterstützung durch die Behörden hast. Und so viele Fälle bleiben in der Luft hängen."

Auch Mercedes Taveras selbst überlebte ein Säureattentat, die Täter wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Ihre Stiftung ist eine Art Selbsthilfegruppe, in der sich Betroffene Kraft und Freude geben. Denn die Stimmung schwankt oft während eines Tages. Immer wieder fallen sie emotional in ein schwarzes Loch. Es fehlt ihnen Geld für Operationen, Geld für die Anreise in die Hauptstadt, Geld für einen Prozess.

Die Opfer stünden immer nur kurz im Scheinwerferlicht - dann, wenn ein neuer Angriff geschehen sei. Danach werde es still um sie, klagt Taveras: "Wir bitten um Hilfe, weil wir viele sind. Hier stehen ein paar Opfer, aber es gibt Menschen, die sich nicht vor die Kamera trauen."

Opfe eines Säureanschlages mit ihrer Tochter.  | ARD-Studio Mexiko

Amarante mit ihrer kleinen Tochter - als die die Mutter zum ersten Mal nach dem Anschlag sah, habe sie Angst vor dem "Monster" gehabt, sagt Amarante. Bild: ARD-Studio Mexiko

Höchststrafe: 30 Jahre Haft

Als diesen September eine Frau nach einem Säureattentat starb, kam es zum Aufruhr: Menschen gingen zum Protest auf die Straße. Der Druck auf die Politik wächst.

Präsident Luis Abinader fordert die Höchststrafe für Säureanschläge: dreißig Jahre Haft. Bislang gelten die in der Dominikanischen Republik nicht als eigener Straftatbestand, oft kommen Täter mit geringeren Haftstrafen davon oder die Ermittlungen verlaufen im Sande.

An den Männern, die Yocairi Amarante mit Teufelssäure angriffen, soll vor Gericht ein Exempel statuiert werden. Taveras hofft, dass es nicht nur ein Show-Prozess ist, um die Gemüter zu beruhigen.

Im Gerichtssaal verliest die Staatsanwältin die SMS-Nachrichten, die Yocairis Ex-Freund an die Täter am Tag der Tat schickte: "'Ins Gesicht, auf die Stirn' - das wollte er. Er wollte zerstören, was er nicht mehr haben konnte: ihre Schönheit." Mit einem Bier wollte er dann die Tat feiern, wenn sie einmal geglückt sei.

Nach zwei Stunden Beratung fällt das Urteil: Alle drei Täter werden zur Höchststrafe verurteilt. Yocairi Amarante kämpft mit den Tränen: "Ich weine vor Glück, weil mein Fall nicht ungestraft blieb", sagt sie. "Es wurde Gerechtigkeit hergestellt." Mit den Folgen des Säureattentats wird sie weiter kämpfen müssen - wie so viele Frauen.

Über dieses Thema berichtete das Magazin „Weltspiegel“ im Ersten am 24. Oktober 2021 um 19:20 Uhr.