Das russische Kriegsschiff Admiral Gorschkow fährt im Juni 2019 in den Hafen von Havanna (Kuba) ein. | AP

Russland und Lateinamerika Unruhe stiften im "US-Hinterhof"

Stand: 06.02.2022 10:19 Uhr

Russische Raketen nach Lateinamerika? Diese Idee wurde mehrfach von Vertretern Moskaus ins Spiel gebracht - und weckte Erinnerungen an die Kuba-Krise von 1962. Ist das mehr als nur ein taktischer Zug in der Ukraine-Krise?

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Die Botschaft in den vergangenen Tagen war eindeutig, wurde immer wieder von hochrangigen russischen Regierungsvertretern gestreut: Wenn die USA und die NATO auf ihren Aktivitäten in der Nähe Russlands bestehen, dann könnte die Regierung in Moskau Truppen und Angriffswaffen in verbündeten lateinamerikanischen Ländern stationieren, so die Warnung.

Anne Demmer

Anbieten würden sich Kuba und Venezuela, erklärt die Expertin für Internationale Beziehungen Ana Teresa Gutiérrez von der mexikanischen Universidad Autonoma Metropolitana. Sie erinnert daran, dass es schon unter dem inzwischen verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez eine militärische Kooperation zwischen Venezuela und Russland gab.

Venezuela habe auch schon in der Vergangenheit von Russland Waffen gekauft und der jetzige Präsident Nicolás Maduro habe erklärt, er sei bereit, Russland militärisch zu unterstützen. Gespräche habe es auch mit dem kubanischen Präsidenten Miguel Díaz-Canel gegeben.

Die Beziehungen werden vertieft

Nach dem Gespräch gab es zwar erstmal keine Raketen, sondern medizinische Hilfsgüter für die Versorgung der Kubaner in der Corona-Pandemie. Fakt ist aber: Seit Jahren baut die Regierung in Moskau die Beziehungen zu autoritären Staaten wie Venezuela und Kuba aus.

Beide Länder leiden unter dem Embargo und den Sanktionen, die von den USA verhängt wurden. Die russische Regierung erließ Kuba Schulden in Höhe von 35 Milliarden Dollar. Mitten in der politischen Krise im Jahr 2018, als der von den USA favorisierte Oppositionsführer Juan Guaidó am Stuhl des venezolanischen Präsidenten sägte, schickte Russland zwei atomwaffenfähige Überschallbomber nach Venezuela. In den vergangenen zwanzig Jahren hat das Land mit russischer Hilfe seine Luftverteidigung ausgebaut.

Ein Soldat läuft auf dem Simon Bolivar International Airport an einem Langstreckenbomber vom Typ Tu-160 vorbei. | picture alliance/dpa

2018 landeten Langstreckenbomber vom Typ Tu-160 auf dem Simon Bolivar International Airport in Caracas (Venezuela). Russland stellte sich damals demonstrativ hinter den autoritär regierenden Präsidenten Maduro. Bild: picture alliance/dpa

Kubakrise 1962 reloaded?

Von der Kubakrise im Jahr 1962, als die damalige Sowjetunion Mittelstreckenraketen auf der sozialistischen Karibikinsel stationiert hatte, sei man jedoch weit entfernt, so die mexikanische Wissenschaftlerin Ana Teresa Gutiérrez. Die damalige Entwicklung markierte den Höhepunkt des Kalten Krieges und brachte die Welt an den Rand eines Atomkriegs.

Derzeit halte sich Kuba bedeckt, erklärt der ehemalige kubanische Diplomat und Professor für internationale Beziehungen, Carlos Alzucaray. An einer Eskalation habe niemand Interesse.

Die Diskretion, mit der Kuba reagiert, scheint mir der richtige Weg zu sein. Russland hat deutlich gemacht, dass das Land Verbündete in der Karibik hat, unter anderem Kuba. Gegenüber den USA war die Botschaft: 'Hört auf mit dem Unsinn.' Das vorrangige kubanische Interesse in dieser Krise dürfte sein, dass die ganze Sache nicht in einer unipolaren Welt endet, die von den USA kontrolliert wird.
Eine Luftaufnahme zeigt sowjetische RaketenabschussŸrampen, Raketentranporter und Tanklager auf Kuba im Oktober 1962. | picture alliance / dpa

US-Luftaufnahmen zeigen 1962 sowjetische RaketenabschussŸrampen auf Kuba - das brachte die Welt an den Rand eines atomaren Krieges. Bild: picture alliance / dpa

Vorerst nur eine Drohung

Für die mexikanische Wissenschaftlerin Gutiérrez ist es derzeit nicht mehr als eine Drohung der russischen Regierung, um den Druck auf die USA zu erhöhen.

Die Vereinigten Staaten sollen damit zu einer anderen Haltung gebracht werden. Aber es gibt keine konkreten Absprachen. Es kann natürlich sein, das hinter verschlossenen Türen, auf diplomatischer Ebene gesprochen, wird. Aber klar ist, dass es Kuba und Venezuela wirtschaftlich sehr schlecht geht und sie von derartigen Allianzen abhängen.

Muskeln zucken in diesen Tagen. Doch offizielle Pläne der russischen Regierung für die Stationierung von Raketen in der Region gibt es derzeit jedenfalls nicht.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. Februar 2022 um 15:12 Uhr.