US-Präsident Biden bei einer Wahlkampf-Veranstaltung für Kaliforniens Gouverneur Newsom kurz vor der gescheiterten Abwahl (Archivbild). | REUTERS
Analyse

US-Demokraten Die Lehren aus dem abgewendeten Recall

Stand: 16.09.2021 05:15 Uhr

Der Demokrat Newsom bleibt Gouverneur von Kalifornien. Der Versuch der Republikaner, ihn abwählen zu lassen, ist gescheitert. Was bedeutet das für die Machtverhältnisse in den USA?

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Nach der Abstimmung gaben sich beide Kandidaten bescheiden. Gavin Newsom sagte, er sei demütig und dankbar. "Als Staat haben wir Ja gesagt zur Wissenschaft, wir haben Ja gesagt zu Impfstoffen. Wir haben Ja gesagt zur Beendigung dieser Pandemie."

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

Der aussichtsreichste Kandidat der Republikaner, der 69-jährige Larry Elder räumte seine Niederlage ein. Das erwartete Wort vom Wahlbetrug kam ihm - entgegen anderer Erwartungen - nicht über die Lippen. "Wir haben die Schlacht verloren, aber wir werden den Krieg gewinnen", sagte Elder.

Newsom nutzte Geschenk der Republikaner aus

Amtsinhaber Newsom hat seine Abwahl vor allem verhindert, weil er das Geschenk, das ihm die Republikaner mit Elder vor die Füße gelegt haben, geschickt ausgenutzt hat. Sein Wahlkampf-Team hatte dabei sogar geholfen, Elder noch bekannter zu machen. Newsom kehrte das Referendum um: Plötzlich ging es um den Widerstand der Republikaner gegen Corona-Maßnahmen, in einem Bundesstaat mit Impfraten zum Teil jenseits der 80 Prozent. 

Newsom betonte in der Wahlnacht nochmals: "Gerade in einer Pandemie wollen wir uns sicher fühlen. Das sind universelle Werte." Um ein Debakel der Demokraten zu verhindern, war Anfang der Woche sogar US-Präsident Joe Biden nach Kalifornien gereist. Seine einfache Botschaft lautete: Entweder ihr behaltet Newsom oder ihr bekommt einen Donald Trump.

Kalifornien lässt sich nicht am rechten Rand gewinnen

Dass die Republikaner diesen sogenannten Krieg in Kalifornien mit dem stramm konservativen Radiomoderator Elder gewinnen können, ist nach Meinung vieler Beobachter unwahrscheinlich. Deshalb dürften sie ihn im nächsten Jahr, wenn die regulären Gouverneurswahlen stattfinden, nicht zu ihrem Spitzenkandidaten küren.

Denn eine Lehre ist: Der 40 Millionen Einwohner-Stadt lässt sich nicht am rechten Rand gewinnen. Dafür ist Kalifornien zu liberal. Garrick Percival ist Politik-Wissenschaftler an der Universität von San Jose.

Die demokratischen Wähler hatten keine Alternative. Und die Republikaner mussten lernen, dass sie nur mit einem Kandidaten der Mitte Chancen haben." 

Ein Erfolgsrezept für die Zwischenwahlen?

Genau das könnte für die Demokraten in Staaten wie Georgia, Arizona, Missouri oder Pennsylvania die Rezeptur sein, um die hauchdünne Mehrheit im Senat bei den Zwischenwahlen im nächsten Jahr zu behalten oder gar auszubauen. Trump-Getreue Kandidaten wie Elder können sogar hilfreich für die Demokraten sein. 

Die überwiegend weiße Partei von Donald Trump bekommt außerdem den demografischen Wandel in den USA zu spüren. Politik-Journalist Scott Shafer vom Radiosender KQED in San Francisco meint: "Es gibt immer weniger weiße Wähler, dafür mehr Latino- und asienstämmige Wähler. Die tendieren eher zu den Demokraten, besonders die jungen Leute." 

Newsom hat es dank politischem Kalkül geschafft, seinen Kopf zu retten. Der als elitär und glatt geltende 53-Jährige ist in Kalifornien dadurch nicht populärer geworden. Auch wenn man ihm früher Ambitionen als Präsidentschaftskandidat nachgesagt hat, nach der Zitterpartie der vergangenen Wochen dürfte er diese in den Augen vieler Demokraten verwirkt haben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. September 2021 um 06:09 Uhr.