Raúl Castro vor der kubanischen Flagge | REUTERS
Porträt

Ende einer Ära auf Kuba Der letzte Castro geht

Stand: 16.04.2021 22:20 Uhr

Die Brüder Fidel und Raúl Castro bestimmten Jahrzehnte lang die kubanische Politik. Sechzig Jahre nachdem Fidel den Sozialismus auf die Insel geholt hat, tritt Raúl nun als Parteivorsitzender ab.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko

Jahrzehnte stand Raúl Castro im Schatten seines älteren Bruders Fidel: Zusammen bestimmten die beiden Brüder nach der Revolution 1959 fast sechs Jahrzehnte lang die kubanische Politik. Raúl war der schmächtigere von beiden. Der kleine Mann mit der Brille und dem Schnauzbart galt als wortkarg und unauffällig. Es fehlte ihm das Charisma von Fidel. Stundenlange Reden, in denen sich sein Bruder verlor, waren ihm fremd.

Anne Demmer

Raúl war der Reformer im Hintergrund, sagt der Politologe und frühere kubanische Diplomat Carlos Alzugaray. "Raúl war im Vergleich zu Fidel eher pragmatisch", sagt er, "Fidel hat an die Utopie geglaubt, er hatte einen Traum." In der Organisation des Militärs sei Raúl sehr effektiv. "Man hatte dort großen Respekt vor ihm, nicht nur weil er der Bruder von Fidel war."

Mit 80 Jahren zum Regierungschef

Raúl Castro wurde am 3. Juni 1931 geboren, in wenigen Monaten wird er 90 Jahre alt. Er gehörte zu den treibenden Kräften der Revolution gegen den verhassten Diktator Fulgencio Batista auf Kuba. Als "Comandante" kämpfte er an der Seite seines Bruders Fidel. Damals fiel Raúl Castro durch seine Härte auf, er ging nicht zimperlich mit Gegnern um. Verräter und Deserteure ließ er gnadenlos erschießen.

Seine Zeit in vorderster Reihe kam spät, erst mit 80 Jahren. Als sein Bruder Fidel schwer erkrankte, übernahm er 2006 die Regierungsgeschäfte zunächst übergangsweise, zwei Jahre später wurde er dann formal zum Staatschef gewählt. Sein wohl größtes Verdienst sei die Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und Kuba gewesen. "Er hat die Verhandlungen angestoßen und in dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama das richtige Gegenüber gefunden", sagt der Politologe Alzugaray. "Auch in dieser Situation hat er viel Pragmatismus bewiesen."

Tauwetter mit Obama, Eiszeit mit Trump

Zusammen mit Obama stieß Raúl Castro nach jahrzehntelanger Eiszeit 2014 den Wandel durch Annäherung an. Die Erzfeinde USA und Kuba nahmen wieder diplomatische Beziehungen auf. Castro und Obama trafen sich auf neutralem Boden; die Wiedereröffnung von Botschaften und ein Besuch des US-Präsidenten auf der sozialistischen Karibikinsel folgten. "Wir schlagen der US-Regierung beiderseitige Maßnahmen vor, um die Beziehungen zwischen beiden Ländern zu verbessern und auf dem Weg zur Normalisierung voranzuschreiten", sagte Castro damals.

Doch die anfängliche Euphorie verflog schnell. Mit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump endete das diplomatische Tauwetter. Die USA kehrten zurück zur Politik der Eiszeit und belegten Kuba mit etwa 240 zusätzlichen Sanktionen.

Wegbereiter der Transformation

Raúl Castro beeinflusste die sozialistische Karibikinsel mehr als viele es für möglich gehalten hätten. Er hat Kuba verändert. Er war es, der die Wirtschaft für ausländisches Kapital öffnete, den Staatssektor reduzierte und mehr privates Gewerbe zuließ. Mit dieser Öffnung konnten sich die Kubaner mit Dienstleistungen und Handwerksberufen selbständig machen, auf eigene Rechnung arbeiten. Das Internet wurde für die Bevölkerung ausgebaut, die Reisebeschränkungen aufgehoben.

Raúl Castro leitete jedoch keinen tiefgreifenden Strukturwandel ein, die sozialistische Planwirtschaft sollte lediglich aktualisiert und perfektioniert werden. Seine Wirtschaftsreformen blieben halbherzig. Die Öffnung für den Privatsektor führte zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Und: Er ebnete den Weg für einen Wechsel. "Damit die neue Generation an die Macht kommt", sagte der Politologe Alzugaray. "Es war ein Transformationsprozess: von einem System, das einzig und allein auf der Figur des Fidel Castro basierte, hin zu einem System, das auf Institutionen basiert."

"Es lebe für immer die Revolution"

Im Jahr 2019 gab Raúl Castro das Amt des Staatschefs auf und machte Platz für einen jüngeren, regimetreuen und loyalen Kandidaten: den heute 60-jährigen Miguel Díaz-Canel. "Ich werde nicht den Ururgroßvater geben, weil ich die Kubaner sonst langweile", sagte Castro. Ein Scherz, doch im Hintergrund behielt er die Fäden in der Hand und ließ nie einen Zweifel aufkommen: Ein Systemwechsel kommt nicht in Frage. Anlässlich des 60. Jahrestages vor zwei Jahren betonte er einmal mehr: "Es lebe für immer die Revolution"

Seinen wichtigsten Posten räumt Rául Castro nun: Als Chef der Kommunistischen Partei kündigte er seinen Rücktritt an. Damit geht die Ära Castro zu Ende. Doch die politischen Zeichen, diese stehen auf Kontinuität.