Eine Junge schaut aus einem Fenster | picture alliance / Panther Media

Psychische Probleme bei Jugendlichen Alle elf Minuten ein Suizid

Stand: 05.10.2021 02:03 Uhr

Psychische Erkrankungen unter Jugendlichen nehmen laut UNICEF zu: Jedes Jahr begehen weltweit rund 46.000 Zehn- bis 19-Jährige Suizid. Experten fordern ein schnelles Gegensteuern.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Die Zahlen seien mehr als alarmierend, sagt die Co-Autorin der Studie, Zeinab Hijazi. Jeder siebte Heranwachsende zwischen zehn und 19 Jahren weltweit lebt mit einer diagnostizierten psychischen Störung, heißt es in der UNICEF-Studie. Darunter fallen Verhaltensauffälligkeiten, Angststörungen und Depressionen, zum Teil so schwere, dass die Betroffenen sie nicht überleben.

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Alle elf Minuten sterbe deswegen ein junger Mensch, sagt die UNICEF-Expertin für psychische Gesundheit: "Fast 46.000 junge Menschen nehmen sich jährlich das Leben. In der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen gehört das zu den fünf häufigsten Todesursachen." Häufiger sterben Jugendliche nur durch Verkehrsunfälle, Tuberkulose oder Gewalttaten.

Jeder vierte fühlt sich deprimiert in Deutschland

In der Befragung in 21 Ländern gab jeder fünfte junge Mensch zwischen 15 und 24 Jahren an, sich häufig deprimiert zu fühlen oder wenig Interessen zu haben. In Deutschland sagte dies einer von vier der Befragten. Dabei seien die Folgen der Covid-Pandemie offenbar die Spitze eines Eisbergs, den es schon vorher gab, warnt auch UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore.

Aufgrund der landesweiten Lockdowns und der pandemiebedingten Einschränkungen hätten Kinder prägende Abschnitte ihres Lebens isoliert von Freunden, Spielgefährten und Verwandten verbracht. Doch Schäden hinterließen auch indirekte Folgen der Pandemie, sagt Hijazi: "Die Zunahme von Armut, von humanitären Notlagen aber auch von häuslicher Gewalt. All das trägt zu psychischen Belastungen der Kinder bei."

Kein rein medizinisches Problem

In vielen Ländern werde das Thema bis heute gern verschwiegen, weil ihm ein Makel anhafte. Das erschwere auch die Sammlung von besseren und verlässlichen Daten, sagt die Expertin. In einigen der ärmsten Ländern der Welt geben Regierungen durchschnittlich weniger als einen US-Dollar pro Person für die Behandlung von psychischen Erkrankungen aus.

UNICEF fordert alle Regierungen auf, mehr Geld in die Versorgung der Betroffenen und in Vorsorgemaßnahmen zu stecken. "Der Bericht fordert, dass psychische Gesundheit nicht mehr länger nur als medizinische Aufgabe angesehen wird, sondern, dass der Bildungs- und Sozialbereich auch in die Verantwortung gezogen werden", sagt Hijazi.

Schulen wieder öffnen

Dabei komme gerade den Schulen große Bedeutung zu. UNICEF mahnt seit langem, diese nach der Covid-Pause möglichst schnell wieder zu öffnen. Fast ein Drittel der Schulen weltweit sind immer noch ganz oder teilweise geschlossen. Dadurch bleibe Mädchen und Jungen der Zugang zu Bildung und anderer wichtiger Unterstützung verwehrt.

Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der anonymen Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner. Telefonnummern der Telefonseelsorge: Telefonberatung für Kinder und Jugendliche: 116 111 www.nummergegenkummer.de oder 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 www.telefonseelsorge.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. Oktober 2021 um 09:00 Uhr.