Carla Arbery, die Tante des erschossenen Schwarzen Ahmaud Arbery. | REUTERS

Prozessbeginn um Schwarzen Arbery Tödliche Jagd oder Selbstverteidigung?

Stand: 18.10.2021 08:34 Uhr

2020 jagten und erschossen drei Männer in den USA den Schwarzen Ahmaud Arbery beim Joggen. Angeblich hielten sie ihn für einen Einbrecher - doch daran gibt es Zweifel. Heute beginnt der Prozess gegen die Angeklagten.

Von Franziska Hoppen, ARD-Studio Washington

Es ist der 23. Februar 2020, ein sonniger Nachmittag in der kleinen Stadt Brunswick im Südstaat Georgia, als in der Polizei-Notrufzentrale ein Anruf eingeht. Zu hören ist ein aufgebrachter Anwohner, Greg McMichael. "Ein schwarzer Mann rennt die Straße entlang", ruft der 64-Jährige. Er wisse nicht, wo sie gerade genau seien, sagt McMichael, dann endet die Aufnahme abrupt.

Franziska Hoppen ARD-Studio Washington

Der grauhaarige, stämmige Mann hat aus seinem Pickup angerufen. Neben ihm sitzt sein Sohn Travis. Die beiden sind dem rennenden Mann, einem Jogger, hinterhergefahren: Es ist Ahmaud Arbery - auf seiner üblichen Laufrunde.

Was dann passiert, zeigt das Handyvideo eines Nachbarn, der den beiden mit seinem Auto gefolgt ist. Arbery scheint am Pickup vorbeijoggen zu wollen. Ein Schuss ertönt. Zu sehen ist Arbery, der mit einem Mann ringt, dem Sohn des Anrufers, der eine Schrotflinte auf ihn hält. Ein zweiter Schuss fällt, ein dritter. Arbery bricht zusammen.  

Polizei kümmert sich nicht um verletzten Arbery

Kurz darauf erscheint die Polizei. Doch sie kümmert sich nicht um den schwer verletzten Arbery, sondern um die McMichaels, wie die Aufnahmen einer Helm-Kamera der Einsatzkräfte zeigen. Arbery lebt zu diesem Zeitpunkt noch, er atmet und bewegt sich. Doch es dauert mehrere Minuten, bis sich auch um ihn jemand kümmert. Arbery stirbt.

All das wird im Detail erst mehr als zwei Monate nach der Tat bekannt, nachdem besagte Videos an die Öffentlichkeit gelangt sind und landesweite Proteste ausgelöst haben. Erst jetzt werden die McMichaels verhaftet und auch ihr Nachbar William Bryan, der die Tat filmte. Sie werden des Mordes angeklagt.

Warum hat das so lange gedauert? John Perry, ein schwarzer Pastor in Brunswick, hat eine Vermutung, wie er dem Radiosender NPR erzählt: "Ich nenne das privilegierte Beziehungen. Manche Menschen kommen in Positionen mit Macht und dort bauen sie Beziehungen auf, die sie auf eine Art schützen wie es bei anderen Menschen nicht der Fall ist." Perry spielt darauf an, dass Gregory McMichael Polizist war und für die Staatsanwaltschaft gearbeitet hat. Der Staatsanwältin wird mittlerweile vorgeworfen, Untersuchungen gegen ihren Ex-Mitarbeiter behindert zu haben.  

Anwalt plädiert auf Selbstverteidigung

Der Anwalt der McMichaels, Robert Rubin, sieht keine Schuld bei seinen Mandanten. Er sagt dem Sender NPR, dass es sich um Selbstverteidigung gehandelt habe. "Da ist ein Mann in der Nachbarschaft, der dort nicht hingehört", sagt Rubin. "Nicht, weil er schwarz ist - sondern weil er Hausfriedensbruch begeht." Die McMichaels wollen gesehen haben, wie Arbery auf seiner Joggingtour in eine Baustelle eindrang. Sie wollten ihn festnehmen, sagen sie, bis zum Eintreffen der Polizei - so wie ein inzwischen abgeschafftes Gesetz es Bürgern erlaubte. Als sich Arbery wehrte, hätten sie sich verteidigen müssen.

Kevin Gough, der Verteidiger des Nachbarn, der die Tat filmte, bringt ein weiteres Argument: Der Vorwurf, dass es in der Polizei und dem Rechtssystem der USA einen institutionellen Rassismus gibt, wird in der Bevölkerung immer lauter. Der Name von Arbery reiht sich in eine lange Liste getöteter Schwarzer ein, zuletzt etwa Trayvon Martin, Walter Scott, Breonna Taylor and George Floyd. Sein Mandant, so Gough, müsse herhalten - als Sündenbock.

Die Anklage dürfte sich darauf berufen, dass die McMichaels sich schon in der Vergangenheit laut Zeugenaussagen rassistisch geäußert haben sollen. Oder darauf, dass auf dem Pickup der beiden die Konföderiertenflagge zu sehen ist, ein Symbol für Sklaverei und Rassismus. Und sie wird sich wohl darauf berufen, dass Arbery ein einfacher Jogger und unbewaffnet war.

Über dieses Thema berichtete BR5 aktuell am 08. Mai 2020 um 16:11 Uhr.