Ein Polizist schaut in Ottawa (Kanada) auf Lkw, die die Stadt blockieren, um gegen Corona-Maßnahmen zu protestieren | AP

Corona-Proteste in Kanada Fest im Griff der Trucker

Stand: 08.02.2022 20:06 Uhr

Seit fast zwei Wochen legen Lkw-Fahrer Ottawa lahm. Ihr Protest gegen Corona-Maßnahmen hat sich verselbständigt, ist zum Happening geworden. Bürger klagen über Einschränkungen - und über US-Einfluss auf die Trucker.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Sie ziehen sich immer noch mit ihren breiten Trucks durch das Zentrum Ottowas. Seit inzwischen zwölf Tagen blockieren Hunderte Lkw-Fahrer und ihre Unterstützer die kanadische Metropole, um gegen die Corona-Maßnahmen und die Regierung von Premierminister Justin Trudeau zu protestieren.

Peter Mücke ARD-Studio New York

Der meldete sich inzwischen erstmals zu Wort. Kanadier hätten ein Recht, zu protestieren, mit ihrer Regierung nicht einer Meinung zu sein und ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen, sagte er - dieses Recht werde man immer verteidigen. "Aber um deutlich zu sein: Sie haben nicht das Recht, unsere Wirtschaft zu blockieren oder unsere Demokratie oder das tägliche Leben unserer Mitbürger. Es muss aufhören."

Ein Protest verselbständigt sich

Ob Trudeaus Worte bei den Truckern sonderlichen Eindruck hinterlassen, darf bezweifelt werden. Denn der Protest, der sich ursprünglich nur gegen die verpflichtende Corona-Impfung für Reisen zwischen Kanada und den USA richtete, hat sich verselbständigt, ist auch zum Happening geworden.

Ottawas Bürgermeister Jim Watson sagt, was da geschehe, gehe "weit über normale Proteste hinaus". Denn: "Die Leute campen, grillen, kommen mit Spanferkeln am Spieß, bauen Whirlpools und Hüpfburgen auf." Ältere Bürger der Stadt würden sich nicht mehr auf die Straße trauen und junge Familien mit Kindern würden nicht mehr schlafen - "weil die ganze Nacht Feuerwerk gezündet wird".

Eine "komplette Rücksichtslosigkeit", befindet Watson und verhängte am Wochenende den Notstand, um den Sicherheitskräften mehr Befugnissen zu verschaffen, wenn diese gegen die Blockierer vorgehen.

Lkw-Stau auf der Ambassador-Brücke, die über den Detroit-River an der Grenze zwischen den USA und Kanada führt | AP

Die Blockade hat auch einen großen Stau auf der Ambassador-Brücke ausgelöst, die über den Detroit-River an der Grenze zwischen den USA und Kanada führt. Bild: AP

Beispiellose "Belagerung"

Unterstützt werden sollen sie von Bundespolizisten, denn, so Watson, die Zahl der Demonstranten sei weit größer als die der Polizisten der Stadt. Ottawa erlebe den schwersten Notfall der Geschichte, stellt der Bürgermeister fest. Ähnlich scharf äußert sich auch Polizeichef Peter Sloly, der von  einer "Belagerung" spricht, wie er sie "in unserer Demokratie noch nie erlebt" habe. Die Polizei untersagte inzwischen die Mitnahme von Treibstoff und anderen Hilfsgütern zu den Kundgebungen und nahm einige Demonstranten fest.

Und doch fühlen sich viele Bewohner von der Stadt alleine gelassen. Tagelang habe man um Hilfe gebettelt, sagt Anwohnerin Zexi Lee, nun sei man an einem Punkt, wo man sich selbst helfen müsse. Einige Bewohner Ottawas reichten deshalb  eine Zehn-Millionen-Dollar-Klage gegen die Organisatoren der Proteste ein.

Doch so eine Klage kann dauern, bislang erließ ein Gericht in der Stadt ein Hupverbot - ein vermutlich schwacher Trost für die Hauptstädter.

Finanziert durch Crowdfunding

Die Trucker wiederum finanzieren sich über Crowdfunding-Plattformen, wo sie für ihren Protest sammeln. Unterstützt werden sie auch von republikanischen Politikern aus den USA, darunter Ex-Präsident Donald Trump. Der bezeichnete Trudeau als "linksradikalen Irren", der "Kanada mit wahnsinnigen Corona-Maßnahmen zerstört" habe. 

Der kanadische Minister für öffentliche Sicherheit, Marco Mendicino, forderte US-Politiker auf, sich aus den inneren Angelegenheiten Kanadas herauszuhalten. "Wir müssen wachsam gegenüber möglicher ausländischer Einmischung sein. Wir sind Kanadier, wir haben unsere eigenen Gesetze."

Trudeau sagte der Stadt Ottawa und der Provinz Ontario inzwischen die Unterstützung der kanadischen Bundesregierung zu. Bürgermeister Watson hatte die Regierung zuvor zur Entsendung von 1800 Beamten der Bundespolizei aufgefordert.

In den Krankenhäusern in Kanada seien "mehr Menschen als hier bei den Protesten". Die Demonstranten hätten Gelegenheit gehabt, ihre Position klar zu machen - "aber jetzt zieht ab!".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Februar 2022 um 23:33 Uhr.