Präsidentschaftskandidaten Castillo und Fujimori begrüßen sich auf einer Wahlkampfveranstaltung in Lima (Peru) mit der Faust | AP

Peru Wahl mit Kandidaten der Extreme

Stand: 05.06.2021 09:36 Uhr

Die Peruaner bestimmen am Sonntag einen neuen Präsidenten. Sie haben die Wahl zwischen einem unbekannten Sozialisten und einer Rechtspopulistin unter Korruptionsverdacht. Dem Land droht eine politische Krise mit unabsehbaren Folgen.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Südamerika

Wenn Mercedes Espinosa an den November 2020 zurückdenkt, spürt sie, welche Hoffnung sie hatte. Damals war Mercedes aus ihrem Arbeiter-Vorort ins Zentrum von Lima gefahren, hatte an den Massenprotesten teilgenommen und ihre Wut frei herausgeschrien: über die grassierende Korruption in Perus Politik-Elite, über das miserable Gesundheitssystem, dessen Schwächen in der Pandemie vollends sichtbar wurden und über mangelnde Chancen zum sozialen Aufstieg für ihre Kinder. "Peru braucht eine neue Verfassung, die allen Peruanern mehr soziale Rechte und Chancen garantiert", sagte Mercedes im November.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Heute ist sie ernüchtert. Denn in der Präsidentschafts-Stichwahl des armen Andenstaats treffen an diesem Sonntag ein unbekannter Sozialist auf die rechtspopulistische Tochter des letzten Autokraten Perus. Zwei Kandidaten, mit denen vor Wochen noch niemand gerechnet hatte, die gegensätzlicher kaum sein könnten und die vom jeweils gegnerischen Lager rundweg abgelehnt werden.

Überraschungskandidat der Linken

Der eine ist Pedro Castillo - der Überraschungskandidat des linken Lagers. Experten rieben sich die Augen, als der krasse Außenseiter, der stets mit Sombrero auftritt, den ersten Wahlgang für sich entscheiden konnte. Der Grundschullehrer wurde als Anführer von Lehrerstreiks bekannt und fordert mehr Sozialausgaben, einen Wirtschaftsnationalismus und eine Agrarreform. Seine Partei hängt dem Marxismus-Leninismus an.

Deswegen sind viele einflussreiche Familien und Teile der Wirtschaftselite Perus in Aufruhr, weil sie in Castillo einen peruanischen Hugo Chavez sehen, der Peru in ein zweites Venezuela verwandeln könnte. Dementsprechend groß ist der Gegenwind für Castillo in der Hauptstadt Lima.

Vorwürfe, Castillo habe mit der blutrünstigen Guerilla Sendero Luminoso ("Leuchtender Pfad") zusammengearbeitet, die in den 1990er-Jahren das Land terrorisierte, bestätigten sich nicht. Dennoch schreckte er mit seinem Einzug in die Stichwahl einige Peruaner auf.

Korruptionsvorwürfe und Vorgeschichte

Diese scharen sich nun aus Angst vor einem radikalen Linkskurs um Castillos Gegnerin in der Stichwahl, die Rechtspopulistin Keiko Fujimori. Und das, obwohl Fujimori bis vor kurzem noch als unwählbar galt, weil gegen sie Korruptionsermittlungen laufen. Monatelang saß sie in Untersuchungshaft. Dass sie überhaupt bei den Wahlen antreten durfte, war eine Überraschung.

Keiko Fujimori ist die Tochter des Ex-Autokraten Alberto Fujimori, der in den 1990er-Jahren den peruanischen Kongress auflösen ließ und Peru fortan autokratisch regierte. Keiko Fujimori war damals offiziell die "First Lady" Perus, als ihr Vater Menschenrechte mit Füßen trat - zum Beispiel, als er mindestens 2000 indigene Frauen zwangssterilisieren ließ. Offiziell eine Maßnahme zur Armutsbekämpfung.

Keiko Fujimori jubelt auf einer Wahlkampfveranstaltung in Lima (Peru) | EPA

Wir sie dort weitermachen, wo ihr Vater aufhörte? Mit dem Namen Fujimori verbinden sich in Peru düstere Erinenrungen . Bild: EPA

"Keiko Fujimori hat diese Zwangssterilisierungen mit unterstützt", erklärt Maria Elena Carbajal. Sie ist eine der Frauen und Präsidentin des Opferverbands, der eine Klage gegen Alberto Fujimori angestrengt hat. Keiko Fujimori will dieses und weitere Verfahren gegen ihren Vater annullieren lassen. Bei den Zwangssterilisierungen habe es sich laut ihr nur um "Familienplanung" gehandelt. "Wenn Keiko Präsidentin wird, hat Peru wieder eine menschenrechtsfeindliche und autokratische Regierung", ist sich Maria Elena sicher.

In ihrem Wahlprogramm fordert Keiko Fujimori weniger Staat und neoliberale Reformen. Hinter ihr steht die Armee und der Großteil der reichen Küstenbevölkerung Perus. Auch Weltliterat Mario Vargas Llosa scheint Fujimori zu unterstützen, obwohl er seinerzeit eine herbe Wahlniederlage gegen ihren Vater erlitten hatte.

Präsidentschaftskandidat Castillo winkt auf einer Wahlkampfveranstaltung in Lima (Peru) Anhängern zu. | AFP

Führt er Peru auf den venezuelanischen Weg? Konservative Peruaner sehen in Castillo einen Wiedergänger von Hugo Chavez. Bild: AFP

Corona lastet schwer auf Peru

Die Aufgaben für das nächste Staatsoberhaupt sind enorm: Vor wenigen Tagen erst musste Peru seine Corona-Todeszahlen um 110.000 nach oben korrigieren. Damit ist Peru nun weltweit das Land mit den meisten Corona-Toten pro 100.000 Einwohner. Das hat auch die Wirtschaft stark geschwächt.

Die Corona-Krise legte zudem Perus Defizite offen: Das Gesundheitssystem hat die Pandemie nie in den Griff bekommen. Es fehlen bis heute Beatmungsgeräte, Sauerstoff und Vakzine. Im ohnehin unterfinanzierten Bildungssystem blieben die meisten Schüler ohne Chance auf Unterricht während des Lockdowns. Dazu kommt die generelle Wut über korrupte Politiker, die sich seit Jahrzehnten schamlos bereichern. So wird derzeit gegen alle noch lebenden Ex-Präsidenten wegen Korruption ermitteln.

Die Mitte scheitert

Das war auch ein Grund für Mercedes Espinosa gewesen, sich im November 2020 an den Massenprotesten zu beteiligen. Damals hatte Mercedes auf grundlegende Reformen gehofft. So wie im Nachbarland Chile, wo nach Massenprotesten nun normale Bürger eine neue Verfassung ausarbeiten. Doch in Peru schaffte es kein Reform-Kandidat der Mitte in den zweiten Wahlgang.

Wohl oder übel will Espinosa Pedro Castillo wählen, so wie der Großteil der Peruaner aus unteren Einkommensschichten. Seine größte Wählerbasis hat der Sozialist bei indigenen Andenbewohnern.

Die Umfragen sagen ein knappes Rennen voraus. Peru ist tief gespalten und auch nach der Wahl dürfte die extreme Polarisierung und die politische Dauerkrise in Peru anhalten.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 05. Juni 2021 um 10:13 Uhr.