Frauen bejubeln mit ihren Megafonen den Tod des peruanischen Guerilla-Anführers Guzmán. | dpa

Nach Tod des Guerillaführers Peru streitet über Guzmáns Leichnam

Stand: 18.09.2021 10:56 Uhr

Der Kampf der Guerilla "Leuchtender Pfad" kostete in den 1980er-Jahren Zehntausende Peruaner das Leben. Nach dem Tod des Guerrillaführers Guzmán diskutiert das Land nun darüber, was mit dem Leichnam geschehen soll.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

Tumulte an einem sonst eher stillen Ort: Vor dem Leichenschauhaus in der peruanischen Hafenstadt Callao, nahe Lima, wird protestiert. Und zwar gegen einen Toten. Die Demonstrantin Marlene Zárate López sagt erbost: "Ein Völkermörder, der unser Land ausgeblutet hat, verdient keinen Kult. Er verdient es, dass man ihn die Toilette herunter und wer weiß wohin spült."

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Es geht um Abimael Guzmán, den Gründer der peruanischen Guerilla "Sendero Luminoso" ("Leuchtender Pfad"). Er ist verantwortlich für Terror und tausendfachen Mord. Am vergangenen Samstag starb er in der Zelle eines Hochsicherheitsgefängnisses.

Was passiert mit Guzmáns Leichnam?

Nun diskutiert Peru darüber, was mit seinem Leichnam geschehen soll. Denn seine Witwe, die selbst in lebenslanger Haft sitzt, fordert die Herausgabe. Ein Richter lehnte das ab. Die Staatsanwaltschaft prüft, juristisch ist die Lage verworren. Doch Opferverbände sind in Alarmbereitschaft.

"Dieser Mann muss eingeäschert werden und seine Überreste ausgesetzt werden, weit draußen auf dem Meer. Damit wir die Gewissheit haben, dass er hier kein Grab oder Mausoleum bekommt - oder noch schlimmer, ein Museum", findet Benjamin Capelletti Jáuregui, der auch mitdemonstriert.

Ein Anhänger Maos und Pol Pots

Guzmán steht für eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren peruanischen Geschichte. Der ehemaligen Philosophieprofessor hing den Ideen Mao Zedongs und Pol Pots an. Er predigte den Volkskrieg gegen die politischen und wirtschaftlichen Eliten - und ging in den Untergrund.

Seine maoistische Guerilla "Leuchtender Pfad", eine Abspaltung der Kommunistischen Partei, überzog Peru ab den 1980er-Jahren mit einem beispiellosen Terror. Die Guerilleros verwüsteten, vergewaltigten und ermordeten Zehntausende, auch den Vater von Benjamin Capalletti Jáuregui.

Ich habe meinen Vater im Alter von viereinhalb Jahren verloren. Er wurde an der Universität San Cristóbal de Huamanga in Ayacucho ermordet. Sie haben ihn in seinem Klassenzimmer niederträchtig ermordet, vor seinen Schülern während eines Examens. Um vor den Jugendlichen ein Exempel zu statuieren: Wer uns nicht folgt, wird so ermordet. Mit dem Blut meines Vaters schrieben sie an die Wände: So sterben Verräter an der kommunistischen Partei.

Keine Seite übte Rücksicht

Die damalige Regierung und die Armee bekämpften die Terrororganisation mit extremer Härte. Dazu verübten sie selbst brutale Verbrechen, vor allem gegen die indigene Landbevölkerung, der sie unterstellten, mit den Guerilleros zu kooperieren. Peru versank in einem Bürgerkrieg, der 70.000 Menschen das Leben kostete. 1992 wurde Guzman festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt.

"Unsere Verurteilung des Terrorismus ist fest und unumstößlich. Nur in der Demokratie werden wir ein Peru der Gerechtigkeit und Entwicklung für unser Volk aufbauen", schrieb Perus derzeitiger Präsident Pedro Castillo nach Guzmáns Tod auf Twitter.

Der Marxist, gerade mit hauchdünnem Vorsprung ins Amt gewählt, wurde von seiner rechtspopulistischen Kontrahentin Keiko Fujimori immer wieder in die Nähe des Terrors gerückt. Sie selbst ist die Tochter Alberto Fujimoris, also jenes Autokraten, der in den 1990er-Jahren die Guerilla bekämpfte - und heute selbst wegen Menschenrechtsverbrechen in Haft sitzt.

Ein Gerücht macht die Runde

Nun wird in den sozialen Medien das Gerücht befeuert, Guzmán sei gar nicht tot, sondern von der Linken befreit worden. Fakt ist aber auch: Immer wieder kam es zu Banalisierung des Leuchtenden Pfades durch die Linke, und Mitglieder des Kabinetts von Castillo stehen unter Verdacht, Verbindungen zur Guerilla gehabt zu haben.

Das Erbe der dunklen Vergangenheit spaltet das Land bis heute, sagt die Historikerin Cecilia Mendez gegenüber der Zeitung "El País": "Guzmán starb, ohne sich für seine Taten zu entschuldigen. Fujimori zeigte nie Bedauern für seine Verbrechen. Statt das Trauma der Vergangenheit aufzuarbeiten, wird es politisch genutzt, wird Angst geschürt, von einer Regierung zur nächsten."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. September 2021 um 11:48 Uhr.