Impfung auf einer Insel auf dem Tititcaca-See (Peru) | AFP

Coronavirus Peru sorgt sich vor der Lambda-Variante

Stand: 25.07.2021 04:37 Uhr

Peru ist weltweit das Land mit der höchsten Sterblichkeit durch die Pandemie. Nun macht den Virologen vor allem die neue Lambda-Variante Sorge. Doch es fehlen Mittel und Daten für eine fundierte Überwachung.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Südamerika

Per Motorrad, mit dem Esel oder im Holzkanu: Perus Pflegekräfte nehmen einiges auf sich, um die Bevölkerung zu impfen. Denesy Suasaca ist mit ihrem Team in 3800 Metern Höhe unterwegs, zu den schwimmenden Schilfgrasinseln der Uros auf dem Titicaca-See. Ein weiter Weg sei das, sagt sie - "aber es ist wichtig, dass alle Menschen Zugang zu einer Impfung gegen Covid-19 haben".

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Nach einem schleppenden Beginn nimmt Perus Impfkampagne langsam an Fahrt auf. Trotzdem haben bisher erst elf Prozent der Bevölkerung die zweite Dosis erhalten. In einem Land, das durch die Pandemie so viele Todesopfer pro Einwohnerzahl zu beklagen hat, wie kein anderes auf der Welt.

Dramatisch sei die Situation, sagt Padre Juan Goicochea; das Gesundheitssystem sei kollabiert und die Pandemie habe die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte "schonungslos" offengelegt. Goicocheas Pfarrei liegt in einem Armenviertel von Chorillos, dem Hafendistrikt von Lima. Selbst in den Krankenhäusern der Hauptstadt ging der Sauerstoff aus, Menschen starben auf der Straße. Friedhöfe kamen nicht mehr hinterher.

Dieses Trauma sitze tief, auch wenn die Zahlen zuletzt etwas zurückgegangen seien: "Alle hier haben Angehörige verloren, haben ihre Jobs verloren, mussten sich verschulden, um Behandlungen oder Sauerstoff zu bezahlen. Es gab Korruptionsskandale und Betrug. Die Politik war der Krise nicht gewachsen, die Menschen fühlen sich alleingelassen."

In Arequipa (Peru) überqueren Mitarbeiter der Gesundheitsämter eine schmale Holzbrücke über den Rio Majes, um Impfstoff in ein entlegenes Dorf zu bringen | dpa

Um den Impfstoff in entlegene Gebiete zu bringen, müssen Mediziner in Peru weite Wege gehen ... Bild: dpa

Mediziner überqueren den Titicaca-See (Peru), um Impfstoff in entlegene Dörfer zu bringen | AFP

... oder große Seen überqueren Bild: AFP

"Wir tappen im Dunkeln"

Seit Monaten steckt das südamerikanische Land auch politisch in der Krise. Die letzten Wahlen spiegeln das wider: Zwei Kandidaten der Extreme standen sich gegenüber, der linke Außenseiter und ehemalige Dorfschullehrer Pedro Castillo gewann mit hauchdünnem Vorsprung vor der Rechtspopulistin Keiko Fujimori. Seine erste Ankündigung nun: mehr und schneller impfen. Denn die Sorge vor der nächsten Welle ist groß.

Dabei breitet sich in Peru eine neue Variante aus: Lambda. Mikrobiologe Pablo Tsukayama isolierte sie im Dezember 2020 erstmals, inzwischen ist sie für 80 Prozent der Neuinfektionen in Peru verantwortlich und in mehr als 29 Ländern weltweit verbreitet. Wie gefährlich sie ist, darauf kann Tsukayama noch keine fundierte Antwort geben, dazu habe er noch zu wenige Daten - es gebe "viel zu wenig Überwachung der Varianten in der Region". 

Und es gebe kaum Studien zu den chinesischen Impfstoffen, die hier am meisten eingesetzt werden. Wie wirksam sie gegenüber den Varianten sind, fragt Tsukayama und stellt fest: "Wir tappen im Dunkeln."

 

Der perfekte Nährboden

Südamerika sei der perfekte Nährboden für neue Virusvarianten und so auch ein Risiko für jene Länder, die bereits große Teile der Bevölkerung immunisiert haben, sagt der Mikrobiologe. Er fordert mehr Impfsolidarität und eine globale Strategie bei der Überwachung des Virus. Denn von rund zwei Millionen Daten über Genomsequenzen des Coronavirus stammten heute nur 30.000 aus Südamerika. Die reichen Länder, fordert Tsukayama, sollten auch helfen, das Virus in den armen Ländern besser zu überwachen: "Das läuft ganz langsam an, aber es gibt noch keine globale Strategie."

Denn fehlende Informationen gepaart mit dem Misstrauen gegenüber der Politik, schürten die Impfskepsis in der Bevölkerung, beobachtet der Wissenschaftler. In den sozialen Netzwerken kursiert derzeit das Gerücht, die Impfung sei ein geheimes Werkzeug, um Perus Landbevölkerung und Indigenen zu schaden. Nazario Charca von der Uros Gemeinde am Titicaca-See appelliert deshalb eindringlich: "Ich lade alle ein, sich impfen zu lassen!"

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. Juli 2021 um 10:08 Uhr.