Pedro Castillo feiert seinen Wahlsieg.
Porträt

Perus neuer Präsident "Gefährten, wir sagen basta!"

Stand: 20.07.2021 13:03 Uhr

Er ist ein linker Gewerkschafter, der konservative Ansichten vertritt: Mit Castillo wurde in Peru ein Außenseiter zum Präsidenten gewählt. Für die einen ist er ein Hoffnungsträger, für andere ein Albtraum.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Südamerika

"Hier bauen wir unseren Mais an", sagt Lilia Paredes, "dort Kartoffeln, Bohnen und Erbsen." Hühner gackern, im Hintergrund grasen ein paar Kühe. Das bescheidene Farmhaus mit Blechdach liegt auf einem Hügel, etwas abseits des Weilers Chugur, eingebettet in die grüne Berglandschaft der peruanischen Anden. Es ist nicht unbedingt das typische Zuhause einer zukünftigen Präsidentenfamilie.

Anne Herrberg ARD-Studio Buenos Aires

Über ihren Mann Pedro Castillo sagt Lilia Paredes:

Ich bin sehr bewegt, denn wer hätte gedacht, dass einer von uns hier aus der Provinz so hoch hinauskommen kann. Er ist ein sehr intelligenter Mann und dazu sehr bescheiden.

Castillo tritt stets im traditionellen Strohsombrero auf, trägt Wollponcho und Sandalen aus alten Autoreifen. Der 51-Jährige stammt aus armen Verhältnissen, ist in einer elfköpfigen Familie hier in Cajamarca aufgewachsen, wo vor 500 Jahren Atahualpa, der letzte Inkaherrscher, von Eroberer Pizarro hingerichtet wurde und das spanische Kolonialreich seinen Ausgang nahm.

Lilia Paredes mit Ehemann Pedro Castillo auf der Straße während des Präsidenten-Wahlkampfs in Peru. | REUTERS

Lilia Paredes mit ihrem Ehemann Pedro Castillo während des Präsidenten-Wahlkampfs in Peru. Bild: REUTERS

Arm trotz Goldmine

Heute beheimatet Cajamarca die größte Goldmine Südamerikas und gehört mit 14 Prozent Analphabetismus trotzdem zu den ärmsten Regionen des Landes. Miguel Mendoza, ein einstiger Mitschüler Castillos, sagt:

Dass Herr Castillo heute dort ist, wo er ist, ist Folge der staatlichen Vernachlässigung unserer Regionen. Pedro kennt das Leiden hier, er weiß, wie es ist, drei, vier Stunden zur nächsten Schule laufen zu müssen.

Kampf gegen Guerilla "Leuchtender Pfad"

Castillo war Lehrer in Dorfschulen - und außerdem "Rondero". So heißen die Bauern-Selbstverteidigungsgruppen der Andenregion. Gegründet zuerst gegen Viehdiebe, verteidigten sie die Landbevölkerung später gegen den Terror der maoistischen Guerilla "Leuchtender Pfad".

Mendoza sagt, es bekümmere ihn, wenn Castillo als Terrorist bezeichnet werde, als einer vom "Leuchtenden Pfad". "Er war doch immer einer, der die Gewalt bekämpft hat, der für Ordnung gesorgt hat, der sich nie hat kaufen lassen", so der ehemalige Mitschüler. "Deswegen glauben wir, dass er derjenige ist, der dieses Land voranbringen kann, das so viel Reichtum besitzt und gleichzeitig so viel Armut."

Symbol der Hoffnung für indigene Bevölkerung

Über Jahre hinweg boomte Peru, dank seines Rohstoffreichtums. Auch die Armut sank, nicht aber die Ungleichheit und die Vetternwirtschaft. Das Gros der politischen Elite ist in Korruptionsskandale verwickelt, Castillo nicht.

Wenn man aus dieser Pandemie etwas lernen kann, erklärte Castillo, dann, dass sie entblößt habe, wie prekär und unsicher dieser alte und korrupte Staat sei. "Die, die sich Demokraten nennen, sind es nur für sich selbst, für einen Haufen von Oligarchen."

Im Wahlkampf forderte er ein Ende des neoliberalen Wirtschaftsmodells, Verstaatlichung des Bergbaus, Umverteilung - kurz einen radikalen Systemwandel, in dem seit Jahrhunderten zweigeteilten Land.

Es reicht, Gefährten, wir sagen basta, Brüder! Wir wollen eine verfassungsgebende Versammlung, um eine Verfassung auszuarbeiten, damit die Ressourcen des Landes für die Peruaner bestimmt sind.

Auf dem Land, bei der indigenen Bevölkerung, wurde Castillo zum Symbol der Hoffnung.

Albtraum der Eliten

Die Eliten sehen in ihm den peruanischen Chavez, den kommunistischen Albtraum, den Untergang des modernen Perus. Gegner treffen sich fast täglich zu aufgewühlten Demos in Lima, sprechen von Wahlbetrug, obwohl es dafür keinerlei Hinweise gibt. "Ich muss die Freiheit und die Demokratie verteidigen. Wir sind gegen diesen Kommunismus, der uns aus anderen Ländern aufgezwungen wird, um unsere Freiheit zu untergraben", sagt Roberto Garcia.

Castillos politische Erfahrung beschränkt sich weitgehend auf die Führung eines nationalen Lehrerstreiks im Jahr 2017. Die Nachrichtensender hatten nicht einmal ein Foto parat, als er im April als Überraschungssieger der marxistischen Partei "Peru Libre" aus dem ersten Wahlgang hervorging - mit weniger als 20 Prozent der Stimmen wohlgemerkt.

Links, aber konservative Positionen

Der Linke vertritt dazu gesellschaftlich äußerst konservative und autoritäre Ansichten, wenn es um Abtreibung oder Homo-Ehe geht. Ein politisches Schwergewicht, ein charismatischer Caudillo, also Anführer, sei er aber keineswegs, sagt der investigative Journalist Gustavo Gorriti.

Er hat eine Partei hinter sich, Peru Libre, die nicht seine ist, sondern dem Parteigründer Vladimir Cerrón folgt, der selbst wegen eines Korruptionsskandals nicht antreten konnte. Cerrón steht Venezuela sehr nahe und hat Maduro und Ortega offen verteidigt. In der Partei gibt es sehr radikale Positionen, und Castillo ist demgegenüber schwach - das wird zu Konflikten, wenn nicht zu Brüchen führen und stellt durchaus ein Risiko für die Demokratie dar und zwar ein sehr ernstes.

Castillos Basis macht nicht einmal 20 Prozent der Bevölkerung aus. In dem 130 Sitze zählenden Kongress stellt seine Partei nur 37 Abgeordnete. Sie wurden nicht wegen, sondern trotz des radikalen Diskurses gewählt.

Auf Distanz zum Chavismus

Das scheint auch Castillo zu merken, er distanzierte sich vom Chavismus Venezuelas. Sein Berater Pedro Francke erklärte, dass es keine Verstaatlichung, Enteignung, allgemeine Preiskontrolle oder Ähnliches geben werde. "Ja, es soll einen Wandel geben, denn wir wollen, dass sich die wirtschaftliche Situation für alle, auch für die unteren Schichten und auf dem Land verbessert." Das sei die Priorität ihrer Regierung.

Die Wahl hat verdeutlicht, wie gespalten Peru ist. Stadt und Land, Arm und Reich, Links und Rechts. Und die Pandemie hat die Gräben noch einmal vertieft. Die dringlichste Aufgabe wird sein, Brücken zu bauen, einen Dialog zu ermöglichen. Der Lehrer und Farmer Castillo wird eine Mehrheit im Land überzeugen müssen, dass er derjenige ist, der Perus Boden neu bestellen kann.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Juli 2021 um 16:00 Uhr.

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