Richard Nixon | picture alliance / ASSOCIATED PR

50 Jahre "Pentagon Papers" Als die Lügen über Vietnam aufflogen

Stand: 13.06.2021 13:05 Uhr

Jahrelang hatte die US-Regierung die Bürger über den Verlauf, die Ziele und die Opfer des Vietnamkriegs belogen. Bis vor 50 Jahren die "Pentagon Papers" erschienen - und Präsident Nixon zum Toben brachten.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Ohne einen Fotokopierer - 1971 noch eine relativ neue Technologie - wäre dieser Skandal nur schwerlich publik geworden: Tausende Seiten eines streng geheimen Berichts aus dem US-Verteidigungsministerium hatte der "New York Times"-Reporter Neil Sheehan seiner Quelle abgeschwatzt. Doch er will sie nicht nur lesen - wie eigentlich ausgemacht - sondern eine Kopie behalten.

Julia Kastein ARD-Studio Washington

Das war gar nicht so einfach, wie er Jahrzehnte später in seiner Zeitung erzählt: Im ersten Laden sei der Kopierer kaputtgegangen. "Also haben wir einen anderen Typen gefunden. Der war mal bei der Marine gewesen und hatte einen kleinen Copy-Shop. Er wusste genug, um zu sehen: Hier geht es um wirklich hochgeheimes Material. Er bekam Angst. Und ich habe ihm gesagt: 'Versteh ich, aber das ist nur eine Studie von ein paar Harvard-Professoren. Altes Zeug, von 1966, '67, '68. Kein Grund zur Sorge. Das ist längst freigegeben.'"

Ex-Pentagon-Berater packte aus

Sheehans Quelle war Daniel Ellsberg, ein ehemaliger Pentagon-Berater. Er wusste, dass die Regierung nicht die Wahrheit sagte über den Krieg in Vietnam - über den Verlauf, die Opfer und die eigenen Aktionen.

Warum er sich zum Geheimnisverrat entschloss, erklärt Ellsberg später: "Was sollte ich tun, wo ich doch wusste, dass mein Land einen Krieg eskaliert, der illegitim war. Dass all die Opfer, die Zivilisten, aber auch die Soldaten - dass das Mord war." 

Luftaufnahme des US-Verteidigungsministeriums | picture alliance/dpa

Die Reporter wussten, wie brisant der Bericht über die Vorgänge im Pentagon war - und welche Gefahr drohte. Bild: picture alliance/dpa

Dem "New York Times"-Team ist klar, wie brisant der Bericht ist, den Ex-Verteidigungsminister Robert McNamara selbst in Auftrag gegeben hatte. Und was droht, wenn sie ihn veröffentlichen und ihre Quelle auffliegt: Auf Geheimnisverrat steht im schlimmsten Fall die Todesstrafe.

Ein ganzer Stab von Reportern und Rechercheuren verschanzte sich im elften Stock des Hilton Hotels in New York. Niemand durfte wissen, dass und warum sie da waren. Linda Amster erinnert sich an den Augenblick, als sie zum ersten Mal in das Hotelzimmer kam, ohne zu wissen, warum sie hingebracht wurde: "Überall lagen Stapel von Papieren, über 7000 Seiten. Jede einzelne mit dem Stempel 'Top Secret'."

Nixon: Die "New York Times" ist unser Feind

Drei Monate lang arbeiteten die Reporter mit Hochdruck an ihrer Geschichte, schrieben sie immer wieder neu und um. "Viel zu kompliziert, strenger redigieren", ermahnt sie Herausgeber Arthur Sulzberger. Im Juni gibt er grünes Licht zur Veröffentlichung.

In Washington schlägt die Geschichte ein wie eine Bombe: Präsident Richard Nixon weist seinen Justizminister an, gegen weitere Veröffentlichungen zu klagen. "Die 'New York Times' ist sowieso unser Feind, lasst uns das machen", sagt Nixon im Telefonat mit seinem Justizminister.

Lyndon B. Johnson | picture alliance / AP Images

Auch Nixons Vorgänger Lyndon B. Johnson gerät durch die Veröffentlichung in Bedrängnis. Bild: picture alliance / AP Images

Auch sein Amtsvorgänger Lyndon B. Johnson will weitere Veröffentlichungen verhindern, weil er durch die Papiere als Kriegstreiber und Lügner entblößt wird. Henry Kissinger, damals Nationaler Sicherheitsberater, erklärt: "Johnson findet, dass das ein Anschlag auf die Integrität der Regierung ist. Wenn du einen ganzen Aktenschrank stehlen und der Presse geben kannst, dann ist Regieren unmöglich geworden."

"Washington Post" übernimmt die Recherchen

Ein Gericht gibt der Regierung zunächst Recht: Die "New York Times" darf nicht weiter veröffentlichen. Doch inzwischen hat auch die "Washington Post" eine Kopie der Papiere. Anders als ihre "Times"-Kollegen haben sie aber kaum Zeit, sie zu lesen und auszuwerten. Chefredakteur Ben Bradlee drängt darauf, sofort da weiterzumachen, wo die "Times" aufhören musste: Wohlwissend, dass er und seine Herausgeberin dafür ins Gefängnis wandern könnten.

"Nicht zu publizieren, nachdem die 'New York Times' es getan hatte, hätte die 'Post' zu einer Pro-Regierungs-Establishment-Organisation gemacht, die sich scheut, es mit der Regierung aufzunehmen und für unsere Rechte zu kämpfen", sagt Bradlee. "Es hätte uns für immer zu einer Art Zweitklassigkeit verdammt." 

Richard Nixon bei einer Rede | AP

Einige Jahre nach den "Pentagon Papers" zwingt die Watergate-Affäre Nixon zum Rücktritt. Bild: AP

"Washington Post"-Herausgeberin Katharine Graham willigt schließlich ein. Auch wenn sie sich dabei nicht als die Heldin für Pressefreiheit fühlte, zu der sie später stilisiert wurde, wie sie 1997 erklärte: "Ich habe wirklich geschluckt. Und ich war alles andere als eine heroische Führungsfigur. Ich habe nur gesagt: 'Okay, dann macht es.' Ich hatte 30 Sekunden für die Entscheidung. Und ich hatte eine 50-prozentige Chance, die richtige zu treffen."

Ein Sieg für die Pressefreiheit

Für Nixon ist die Affäre ein Schlappe. Der Oberste Gerichtshof entscheidet, dass das Recht auf Pressefreiheit vorgeht und es Aufgabe der Medien ist, die Regierung zur Verantwortung zu ziehen. Auch die Klage gegen den Whistleblower Ellsberg scheitert. Nixon tobt und fordert, dass die "Washington Post" nie wieder Zugang zum Weißen Haus bekommt. Auch damit scheiterte der Präsident. Ein paar Jahre später zwingen ihn die "Washington Post" und die Watergate-Affäre zum Rücktritt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Juni 2021 um 18:40 Uhr.