Blick auf die Stadt Asunción (Paraguay) | imago images/Jose Enrique Molina

Deutsche in Paraguay Der kurze Traum von der Impffreiheit

Stand: 28.01.2022 09:05 Uhr

Auf der Flucht vor strengen Coronaregeln haben Hunderte Deutsche Paraguay als neue Heimat auserkoren. Doch die Zahl der ungeimpft einreisenden Deutschen nahm überhand - und das Land reagierte.

Von Peter Sonnenberg, ARD-Studio Rio de Janeiro, zurzeit Hohenau (Paraguay)

"Oma und Opa mussten mit, obwohl sie eigentlich nicht wollten", erzählt Kevin Neugum aus Nordrhein-Westfalen. Er und sein Bruder machen im Schwimmbad von Hohenau im Südosten Paraguays kurz eine Pause vom Tischtennis, um ein Interview zu geben. Vor vier Wochen sind sie angekommen, mit ihren Eltern und besagten Großeltern. "Unsere Jobs haben wir hingeschmissen. Jetzt wollen wir so was wie Farmer werden", berichtet der 25-Jährige weiter, mit Freude und viel Optimismus im Gesicht. Ahnung hätten sie noch keine von Ackerbau und Viehzucht, sagt er, aber das sei ja gerade das Spannende an ihrem Abenteuer.

Peter Sonnenberg

Spurensuche in Paraguay: Sind wirklich so viele Deutsche gekommen? Und warum? Ist es die Flucht vor der Impfung? Bei dem Thema ist Kevin Neugum vorsichtig: "Wir informieren uns halt gut, lesen viel darüber und dann werden wir es machen oder eben auch nicht." Für welche Familienmitglieder er spricht, bleibt unklar.

Ein zunächst zugesagtes Gespräch mit den Eltern kommt nicht zustande, nachdem ein weiterer Deutscher das Bild betritt - ein Freund, sagen die Brüder. Der Mann ist schlecht auf deutsche Journalisten zu sprechen, beschimpft den Reporter, empört sich über schlechten Journalismus. Es fallen Begriffe, die man in Deutschland auf Pegida- oder Querdenker-Aufmärschen hören kann.

In Hohenau wird ein Grundstück zum Verkauf angeboten. | ARD-Studio Rio de Janeiro

Ein Grundstück oder ein Haus in Hohenau - mancher, der auswandern will, verbindet das mit trügerischen Hoffnungen auf Impffreiheit. Bild: ARD-Studio Rio de Janeiro

Bei deutschen Auswanderern beliebt

Paraguay ist nicht erst seit Ausbruch der Pandemie ein beliebtes Land bei deutschen Auswanderern. Die Stadt Hohenau wurde 1900 von Deutschen gegründet. Die erste Welle Deutscher kam über Brasilien - Abenteurer, zum Teil waren sie vorher in anderen Ländern gescheitert. Paraguay bot viele Möglichkeiten: Ein großes, unterbevölkertes Land mit sehr fruchtbaren Böden und niedrigen Preisen.

Nach dem Krieg flohen Nazis hierher. "Dr. Tod", der Auschwitz-Arzt Josef Mengele, unter ihnen wohl der bekannteste, lebte auf seiner Flucht vor den Behörden einige Jahre nahe Hohenau. Seit den 1970er-Jahren kamen viele aus wirtschaftlichen Gründen, darunter auch Rentner - denn es gibt keine Einkommenssteuer in dem Land. 2021 hat sich die Zahl der Einwanderer gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt.

Autos stehen vor einer Durchfahr-Teststation gegen das Coronavirus in Asunción (Paraguay) | AFP

In Paraguays Hauptstadt Asunción kann man sich in Durchfahr-Stationen auf das Coronavirus testen lassen - und die Autoschlangen davor sind lang. Bild: AFP

Hoffnung auf mehr Freiheit

"Die kommen alle wegen der Impferei", sagt Georg Waldleitner, den alle nur Chiky nennen. Chiky ist schon 25 Jahre hier, führt ein bayerisches Restaurant. Impfen und Masken lehnt er ab, aber von den Neuankömmlingen hält er auch nicht viel: "Die wissen alle nicht, was sie hier erwartet, die meisten davon sind schneller wieder in Deutschland, als sie denken."

Wie groß die deutsche Kolonie in Paraguay ist und was die meisten von ihnen von Corona-Regeln halten, wird am Abend auf der Geburtstagsparty eines Bekannten von Chiky deutlich. Manfred Popp, auch schon viele Jahre in Paraguay, lädt mit den Worten ein: "Die Bude wird voll! Da kommen 100 Leute, geimpft ist da keiner und Masken trägt auch keiner."

Das mit den Masken stimmt. Der Versuch, herauszufinden, ob tatsächlich niemand geimpft ist, scheitert unter Beschimpfungen und Anfeindungen: Nach wenigen Minuten wird der Reporter vom Gastgeber aufgefordert, das Fest zu verlassen.

"Weniger Stress als in Deutschland"

Nur ein junges Paar, vor vier Wochen angekommen, erzählt etwas abseits des Festgeschehens offen von seinen Hoffnungen auf ein neues Leben. "Hier ist nicht so viel Stress wie in Deutschland. Dort ist so ein Durcheinander zurzeit. Ein Freund hat uns überzeugt mitzukommen, Corona war nur der Beschleuniger", erzählt Joanna Faber.

Alle weiteren Versuche, Kontakt zu Deutschen zu bekommen, die erst kurz hier sind, scheitern. Niemand sonst möchte mit den deutschen Medien sprechen.

Geimpfte werden bevorzugt behandelt

Enrique Hahn, Bürgermeister von Hohenau hatte sich im Januar im Interview mit einer deutschsprachigen paraguayischen Zeitung besorgt über die ungeimpften Zuwanderer geäußert. Daraufhin hatte er Anfeindungen im Netz ertragen müssen. Und doch heißt es, Deutsche würden Paraguayer anstiften, sich ebenfalls nicht impfen zu lassen. 

"Wir Paraguayer verstehen es als unsere Bürgerpflicht, uns impfen zu lassen", sagt Noemi Jara, die rechte Hand des Bürgermeisters und Direktorin der Tourismusbehörde. "Nur mit der Impfung werden wir die Freiheit wieder erlangen, die wir gewöhnt sind. Den Ausländern würde ich auch raten, sich impfen zu lassen. Denn gerade hier in der Gegend ist das Gesundheitssystem nicht besonders gut. Und bei uns ist es so, dass Geimpfte in den Krankenhäusern Vorrang haben. Wenn da fünf Geimpfte und fünf Ungeimpfte stehen, dann werden die Geimpften bevorzugt behandelt." 

Jara bestätigt, dass sich in den vergangenen Monaten viel mehr Deutsche hier niedergelassen hätten als in den Jahren davor. Allein in Hohenau seien mehr als 1000 Deutsche angekommen -bei 17.000 Einwohnern. Sie verstehe nicht, warum die Regierung in Asunción keinen Impfnachweis von Einreisenden verlange.

Umzugscontainer stehen vor einem Haus. | ARD-Studio Rio de Janeiro

Umzugscontainer vor einem Haus in Paraguay - werden sie bald schon wieder retour gehen? Bild: ARD-Studio Rio de Janeiro

Paraguay ändert Einreiseregeln

Und unerwartet passiert genau das: Am 12. Januar tritt ein neues Gesetz in Kraft, dass Einreisenden ohne permanentes Bleiberecht - und über das verfügen Neuankömmlinge in der Regel nicht - mindestens zweimal geimpft sein müssen.

Für viele Impfverweigerer, deren Hab und Gut schon in Überseecontainer verpackt war, ist dies ein Schock. Alle, die mit dem Gedanken gespielt hatten, nach Paraguay auszuwandern, werden ihre Pläne ändern müssen. Und für die ungeimpften Auswanderer, die es davor noch ins Land geschafft hatten, heißt das, jeder noch so kurze Grenzübertritt wäre eine Reise ohne Wiederkehr - zumindest solange sie ungeimpft bleiben.

Über dieses Thema berichtet auch der "Weltspiegel" - am Sonntag um 18.30 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtet der Weltspiegel am 30. Januar 2022 um 18:30 Uhr.