Der "Generationenwald" in Panama.
Weltspiegel

Panama Ein Wald für Generationen

Stand: 31.01.2021 08:04 Uhr

Abholzung, Armut, Klimawandel sind in Panama ein Teufelskreis. Zwei Unternehmer setzen dem den "Generationenwald" entgegen: Sie forsten auf - und schaffen damit ein nachhaltiges Geschäftsmodell.

Von Xenia Böttcher, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Der Garten von Iliana Armien gleicht einem kleinen Labor. Die Morgensonne ist noch mild, erst am Mittag kommt die große Hitze. Die Forstwirtschaftlerin aus Las Lajas im Südwesten Panamas, beugt sich über die kleinen, zarten Pflänzlein, die eines Tages riesige Tropenbäume werden sollen.

Xenia Böttcher ARD-Studio Mexiko City

"Es reicht nicht, die Samen von einem Mandelbaum aufzusammeln und einfach zu pflanzen", sagt sie. "Du brauchst viele unterschiedliche Samen, um einen widerstandsfähigen, starken Wald zu schaffen, und von den vielen Samen musst du wiederum die Besten finden."

Ganze Wälder erschaffen, das ist ihr Lebenstraum. Zu sehen, wie ihr Opa hektarweise Land abholzte für die Landwirtschaft, sei ein Kindheitstrauma gewesen, sagt Armien - und erzählt von der glühenden Kohle in der Nacht, nachdem die Bäume verbrannt wurden. 70 Prozent der Wälder in Panama wurden bereits gerodet und viele tropische Bäume seien nur noch schwer zu finden.

Der gebürtige Hamburger Andreas Eke ist Ilianas Mitstreiter. Beide teilen dieselbe Vision: Aufforsten! Das Grundproblem sei: Für die Menschen in Panama habe der Wald keinen Wert, meint Eke. "Sie können mit ihm nur wenig Geld verdienen. Sie brauchen aber etwas, wovon sie leben können - wie Landwirtschaft, Soja, Rinder."

Jetzt, da der Klimawandel spürbar sei, würden gerade die Menschen in den Industrienationen laut aufschreien, wenn in Lateinamerika gerodet wird: "Sie sollen den Wald für die Welt erhalten", sagt Eke. "Aber was gibt ihnen die Welt dafür? Wovon sollen sie leben?"

Andreas Eke meint: Tropenholz hat sein Stigma auf dem deutschen Markt nichts verdient.

Andreas Eke meint: Tropenholz hat sein Stigma auf dem deutschen Markt nichts verdient.

Ein Stück Regenwald, das Rendite bringt

Armien und Eke wollen beweisen, dass es anders geht. Der Wald im fruchtbaren Panama kann wertvoll werden, eine Lebensgrundlage, ein Einkommen bieten. Sie haben den "Generation Forest", also Generationen-Wald gegründet, eine Genossenschaft mit Sitz in Hamburg. Wer einen Anteil für knapp 1400 Euro kauft, kann 500 Quadratmeter Tropenwald aufforsten und damit etwas gegen den Klimawandel tun.

Der zusätzliche Anreiz sei die Rendite, erklären sie: Mit dem Verkauf des gewachsenen Tropenholzes bekommt der Investor Geld zurück. Mit Spenden allein würde nie genug Geld zusammenkommen, um Wälder aufzuforsten, sind beide überzeugt.

Tropenholz kaufen hafte in Deutschland ein Stigma an, sagt Eke: nämlich, dass es schlecht für die Umwelt sei. Aber das sei zu kurz gedacht: "Dadurch, dass man FSC-zertifiziertes Tropenholz kauft, bekommt der Wald einen Wert für die Menschen in Panama und sie werden den Teufel tun den abzuhacken, wenn sie davon leben können, indem sie selektiv Holz rausholen", meint er.

Mit dem Geld der Genossenschaft kaufen Armien und Eke abgeholztes Weideland und Samen, schaffen Arbeitsplätze. So beginnt das Aufforsten der Tropenbäume. Rosewood, Zeder, tropische Eiche, Mandel - kleine Bäumchen setzt Armien mit äußerster Sorgfalt in den noch abgenutzten Boden ein. Mit ihnen und um sie herum soll ein richtiger, widerstandsfähiger Wald entstehen.

Mit dem Wald kehren die Tiere zurück

Dass ihre Idee funktioniert, haben sie bereits erprobt: In vielen Regionen Panamas wachsen gerade Wälder heran. Wo die Bäume etwa 15 Jahre alt sind, gleicht vieles noch einer Plantage: Viel Tropenholz steht dicht an dicht. Die Motorsäge rattert, als ein Baum fällt. Es ist Zeit für eine Ausdünnung - ein Investor bekommt seine erste Rendite.

Viel wichtiger sei aber das, was bereits nach 20 Jahren entstanden ist: Ein üppiger, massiver, widerstandsfähiger Wald - der einem Naturwald gleicht, würden nicht hier und da Mahagoni, Zedern oder Mandelbäume in Reih und Glied stehen.

Wenn die Tropenbäume einmal stark genug sind, darf die Natur ihre Arbeit machen: Wo Wald ist, ist Wasser, kommen Tiere zurück. Hasen, Vögel und Fledermäuse verteilen die Samen der Bäume. Überall sprießt etwas Neues. "Wenn du all das nach 20 Jahren Arbeit siehst, ist das einfach wunderbar", freut sich Armien. "Es ist die Motivation zu sagen: Wir machen weiter!"

Ilania Armien erzählt, wie ihr Großvater Wald rodete - sie will dazu beitragen, dass er nachwächst.

Ilania Armien erzählt, wie ihr Großvater Wald rodete - sie will dazu beitragen, dass er nachwächst.

Die ersten Mitarbeiter machen es nach

Nach 30 Jahren werden regelmäßig selektiv Tropenbäume geschlagen und verkauft, während gleichzeitig neue Generationen heranwachsen. Es solle ein unendlicher Kreislauf sein, sagt Eke: Bei Anteilen für einen Hektar Land bekomme der Investor dann 1000 Euro jährlich. Da 30 Jahre eine lange Zeit sind, ist der "Generationenwald" auch etwas für Generationen von Menschen. Die Genossenschaft hat mittlerweile 1500 Mitglieder aus 18 Ländern und 6,2 Millionen Euro Kapital.

Nachdem die Gründer ein nachhaltiges Geschäftsmodell und Wälder geschaffen haben, rückt ihr zweites Ziel in greifbare Nähe: Nachahmer finden. Viele Mitarbeiter haben gelernt, wie man wertvolle tropische Bäume pflanzt und wie man mit ihnen ein Geschäft macht - und machen es nach. "Das war für mich wichtig, weil ich jetzt auf meinem Land auch wertvolle Bäume anpflanze", erzählt Mitarbeiter Jorge Cunampio. "Und es ist nicht nur gut für die Menschen hier, nicht nur was Finanzielles; wenn man an den Klimawandel denkt, ist es eine Hilfe für den Planeten."

Armien berät gerade eine indigene Gemeinde der Embera: Sie haben ihre Hilfe gesucht, weil sie lernen wollen, wie auch sie aufforsten und einen Gewinn damit machen können. Es sei wichtig, alles Wissen und Können zu teilen, darum stellen sie alles als Open Source zur Verfügung, versichert Eke. Die Wirtschaft habe bislang viele Erfolge gefeiert - aber auf Kosten der Natur. Der "Generationenwald" zeige, dass es anders geht.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 31. Januar 2021 um 19:20 Uhr im "Weltspiegel".

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KOMMENTARE

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Nachfragerin 31.01.2021 • 14:22 Uhr

@Sisyphos3 - Selbstversorger sind das kleinste Problem

12:58 von Sisyphos3: "Was bleibt denn einem jungen Paar übrig, wenn sie heiraten wollen, ne Familie gründen als Bäume umzuhauen, für ihre bescheidene Hütte, für ihren kleinen Acker und Brennmaterial für ihre Herdstelle" Ich bin mir sicher, dass nur ein winziger Bruchteil des Waldes für den Eigenbedarf abgeholzt wird. Kritisch wird es immer dann, wenn die Gewinnmaximierung im Vordergrund steht: Holz oder Rindfleisch für den Export. Die lokale Bevölkerung sieht von den Gewinnen natürlich nichts und muss weiterziehen, wenn alles zerstört ist.